Februar 11 2022

Poison, ihr wisst schon, Alice Cooper, oder Genderideen sind noch nicht ganz tot

Irgendwann muss ich mir das auch noch von der Seele schreiben.

Poison – running deep inside my veins….

Ich steh total auf dieses Wrack. Alice Cooper. Irgendwie ist der echt geblieben. Wie auch immer. Mein Göttergatte ist ja Informatiker und Informatiker arbeiten in Firmen, und Firmen machen irgendwann ein Event. Sie kommen dann auf die Idee, dass Partnery auch mitkommen dürfen. Witzigerweise kommt dann immer eine Programmiererin auf die lustige Idee, ne Discokugel aufzuhängen. Und Glitzermikros auszuhändigen, und dann darf man da die Lieblingslieder mit seinem Star mitsingen. Einmal den Glamour spüren. Die 5 Minuten Berühmtheit.

Und wer schon mal an Büroparties war, weiss, dass das erst funktioniert, wenn schon n paar Bier unten sind. Männlich Sozialisierte versuchen sich mit „Paranoid“, Enden muss es mit Bob Dylan, mit etwas Glück kommt noch Bryan Adams, dazwischen noch etwas „we are the world“, beginnen tun immer die Mädchen, weil Mädchen besser und lieber singen. Und ihr das besser könnt. Was singen wir also?   Wir quäkten „Dancing Queen“, wir fühlten die Liebe mit Donna Summer (Itsogooditsogoodusoweiter), wir waren auch mal wild, und wollten n bisschen Spass, so wie Cyndi. L’Isla Bonita sangen wir, betörten die Informatiker mit unserer und Madonnas Eleganz und  technischen Perfektion, sie in ihren Turnschuhen und schlabbrigen Hemden. Wenn ihr Euch jetzt fragt – ich fuhr lange Strecken mit dem Auto mit. Und ich verbrachte meine Nachmittage vor den „Marantz“ Musikboxen meiner Eltern und hörte SWR 3 Popshop mit Frank Laufenberg. Daher kann ich also Mainstreamscheiss bis 1973. Dann fanden die Mädels, dass sich mein Musikgeschmack vermutlich nicht auf yt-Karaoke findet.  Aber ich sagte dann, dass ich Alice Cooper ganz überzeugend nachmachen kann. Inklusive Blicke und Stock in den Boden knallen, aber das wussten die Mädels nicht. Sie wussten auch nicht, wer das ist. Die Jungs waren neugierig. Monkeymind bestellte sich ein Bier.

Naja, was soll ich sagen. Ich mimte Alice; ich suchte mir aus dem Haufen der Frauen ein passendes Lustobjekt aus (dummerweise die Frau vom Chef, woher soll ich das wissen!) Sie war schockiert. Sie fand den Text ganz furchtbar. Und offenbar konnte sie auch englisch.  Irgendwie war dann der Karaoketeil durch, „Paranoid“ und gut wars….warum ich und Alice immer der Partyschreck sind, weiss ich nicht, ich vermute jedoch, dass es mit der kapputten Rollenvorstellung zu tun hat. Die Musik für Mädchen ist lieb, schön, glücklich, etwas rebellisch und harmonisch. Musik für Jungs ist wild, hat blue-notes, ist auch rebellisch, und gelegentlich gewalttätig. Ich plane, „Melody“ zu singen, an der nächsten Büroparty. Joan Jett kann ich nicht entweihen…sie sollte nicht auf Büropartys gesungen werden. Habt ihr noch andere Ideen?

 

Dezember 21 2021

Odins Eierlikör

Ich steh ja auf Weihnachtsmärkte. Ich  stehe auf Adventszeit. Ich bin ein grosser Fan von frischgetöpferten, graubeige-melierten Kerzenhaltern, mit breitem Rand für die Zündhölzer und die Kerzenstummel. Ich liebe handwerklich hergestellten Scheiss, den ich im Geschäft nicht ansehen würde. Nie. Im. Leben. Aus irgendwelchen Gründen fühle ich mich dann wie in einem Stück Kasperle-Theater, bin ein Teil des Dorfes und Teil der Aufführung. Es gibt Bier, es gibt Wurst, es gibt Äpfel, mit Schoko überzogen, es gibt Pilze und es gibt Glühwein. Für die Kurzen gibt es Karussel. Es gibt Stricksocken, es gibt Schals, es gibt Töpferwaren, es gibt vom sauertöpfischen Buchbinder handgeschöpftes Büttenpapier, unbrauchbar zum Schreiben, und für unwissendes Volk wie mich sowieso die Perle vor die Sau geworfen. Ich fühle mich wie Rössli Hüh, von Trudi Gerster vorgelesen: immer am Staunen, etwas dümmlich, verblüfft, was es nicht alles gibt. Das ist eigentlich auch schon alles: Aber ich habe vergessen, zu erwähnen: Odins Eierlikör.

Odins Eierlikör wird bei einem Stand angeboten, der wie der gleichnahmige Gott heisst. Das Emblem sieht aus, als wäre es direkt von Maulafs Helm (Asterix und die Normannen)

 

abgezeichnet. Aber in Rot. Das macht den Eindruck eines behelmten Grillteufels. Odins Stand ist der Grösste am Platz. Verstehe ich gut. Wir werden mit einer Mischung aus Amüsemang und Verachtung gemustert, tragen wir doch die Maske im Gesicht. Odin verkauft alles, was irgendwie hochprozentig ist, und die Städtchenjugend steht da und trinkt.  Selbst hergestellten Eierlikör.

Ich wollte den Kalauer ja verhindern, aber ich schaffe es irgendwie nicht; echt jetzt. Was bringt selbsternannte richtige Kerle dazu, an Odins Stand Likör aus den Eiern vermutlich desselben zu trinken?

Wir flüchten in die Altstadt – auch sie ist voller vorweihnachtlicher Menschen. Aufgekratzte, fröhliche Menschen. Ich mag es, Geschenke einzukaufen. Man befasst sich mit Menschen, die man vielleicht schon lange nicht mehr gesehen hat, um ihnen ne Freude zu machen. Durch den Lockdown und das zu Hause bleiben müssen hatte ich den Eindruck, dass der Weihnachtseinkauf insgesamt mehr als Ausgehen und als etwas Besonderes genossen wurde. Man ist nicht mehr so in Form, das heisst, ist noch schneller erschöpft. Aber es hatte sich, wie ich fand, dennoch gelohnt. Was ich jetzt noch von Husum haben möchte, sind getrocknete Morcheln, für meine Nachweihnachtsblätterteigpastetchen, vegane Sahne und Sauternes. Aber das finde ich alles auch noch!

 

März 27 2021

Pessach und der Auszug aus einem alten Leben

Hallo,

ab heute feiern wir Pessach. Zum ersten Mal. Nicht, weil wir irgendwelche Probleme mit Religion haben. Sondern aufgrund der Tatsache, dass das Jüdische in unserer Familie ausgemerzt werden sollte. Meine Uroma (auf dem Auszug des Standesamtes stehen die Namen Graszt, Abt und Ebner) hat meine Oma mit 19 bekommen. Da war sie nach Schweizer Gesetz zu jung für ein Kind. Ausserdem wurde sie von dem Vater meiner Oma sitzengelassen. Meiner Uroma wurde das Kind weggenommen. Meine Oma wuchs bei einem evangelischen Zürcher Pfarrer auf, der es nicht lassen konnte, sie auch zu taufen. Sie hat nie irgendwelche Religion ausgeübt (so wie ich das als Kind erlebt hatte). Ihre Freunde waren die orthodoxen Aschkenasim aus Zürich. Ein zentraler Name war immer wieder Rivgi Gross. Sie schien eine wichtige Rolle im Leben meiner Oma gespielt zu haben.Irgendwann kam dann meine Mutter zur Welt, und wurde bei der Geburt dann auch „Notgetauft“, offenbar, weil ihr junges Leben etwas auf wackligen Beinen stand. So wurde meine Mutter evangelisch-reformiert. Die heiratete dann einen Katholiken. Ich wurde reformiert getauft. Niemand hat sich je um Religion gekümmert. Bis auf die Freunde meiner Oma, die mir jiddisch, Lieder und Geschichten beibrachten und mir irgendwann anboten, mich in die Synagoge zu nehmen. Ich war fasziniert. Ich wollte dazugehören. Meine Mutter weigerte sich. Sie wolle keinen Juden in der Familie, das machte das Leben sehr kompliziert: Koscheres Essen, und Freitagabend Stress, wer jetzt wen abholen sollte, weil ich ja dann weder Zug noch Auto fahren dürfte; zu den weiteren Horrorszenarien, die sie mir ausmalte, gehörten die Pflicht, sich die Haare abzurasieren (sie waren und sind mein ganzer Stolz), und die Pflicht, nach Mottenkugeln riechende dunkle Regenmäntel tragen zu müssen, auch im Sommer. Also ging ich nicht in die Synagoge. Dann eines Tages mussten wir mit „Biblische Geschichte und Sittenkunde“ uns die Synagoge in der Westtangente ansehen. Da war ein sehr geduldiger Rabbi, dem ich diese Geschichte, die ihr da lest, auch erzählt hatte. Er sagte mir, ich sei eine Jüdin. An dem Abend war ich sehr stolz, ohne genau zu wissen, worauf. Vermutlich auf ein Volk, das es geschafft hatte, bis zu mir ins Jetzt,  allen Mordanschlägen zu widerstehen. Ich habe es meine Mutter sicherheitshalber nicht wissen lassen.

Meine Mutter ist mein Drachen und mein Fluch. Irgendwann hab ich es geschafft, mich zu befreien. Wir sind weggezogen, haben ihren Einflussbereich verlassen. Die Mischpoke verlassen. Ich konnte wachsen, und ich konnte frei werden.  Ich bin wieder zur Synagoge, dieses Mal zu Rabbinerin Gesa Ederberg. Auch sie bestätigte: Ich bin eine Jüdin.

Ich fühle mich verwirrt. Ich bin eine Jüdin. Aber ich bin auch keine Jüdin. Ich weiss nicht viel. Ich lese mich ein. Auch kritische Dinge. Ich sollte hebräisch lernen. Das fällt mir so unendlich schwer. Ich kämpfe mich jetzt durch Harry Potter, Stein der Weisen, auf jiddisch. So hab ich wenigstens etwas Kontrolle, ob ich richtig entziffere. Ich habe Hemmungen, wieder in die Synagoge zu gehen, ich kenne niemanden, und fühle mich nicht dazugehörig. Was irgendwie unfair ist, die Geschichte war unfair.

Meine Tochter sehnt sich nach Mischpoke. Nicht nach meinen Eltern, bewahre, sondern nach Zugehörigkeit und Roots. Nu, jetzt sind wir wieder bei Pessach. Die Freiheit, ein freier Mensch und Jude zu sein. Und vielleicht finden wir eines Tages die unbekannte Mischpoke, die unser Familie seit 1919 so gewaltsam verwehrt wurde.

 

Das Bild wurde entnommen auf folgender Site:

Passover Clipart – ClipArt Best