Dezember 21 2021

Odins Eierlikör

Ich steh ja auf Weihnachtsmärkte. Ich  stehe auf Adventszeit. Ich bin ein grosser Fan von frischgetöpferten, graubeige-melierten Kerzenhaltern, mit breitem Rand für die Zündhölzer und die Kerzenstummel. Ich liebe handwerklich hergestellten Scheiss, den ich im Geschäft nicht ansehen würde. Nie. Im. Leben. Aus irgendwelchen Gründen fühle ich mich dann wie in einem Stück Kasperle-Theater, bin ein Teil des Dorfes und Teil der Aufführung. Es gibt Bier, es gibt Wurst, es gibt Äpfel, mit Schoko überzogen, es gibt Pilze und es gibt Glühwein. Für die Kurzen gibt es Karussel. Es gibt Stricksocken, es gibt Schals, es gibt Töpferwaren, es gibt vom sauertöpfischen Buchbinder handgeschöpftes Büttenpapier, unbrauchbar zum Schreiben, und für unwissendes Volk wie mich sowieso die Perle vor die Sau geworfen. Ich fühle mich wie Rössli Hüh, von Trudi Gerster vorgelesen: immer am Staunen, etwas dümmlich, verblüfft, was es nicht alles gibt. Das ist eigentlich auch schon alles: Aber ich habe vergessen, zu erwähnen: Odins Eierlikör.

Odins Eierlikör wird bei einem Stand angeboten, der wie der gleichnahmige Gott heisst. Das Emblem sieht aus, als wäre es direkt von Maulafs Helm (Asterix und die Normannen)

 

abgezeichnet. Aber in Rot. Das macht den Eindruck eines behelmten Grillteufels. Odins Stand ist der Grösste am Platz. Verstehe ich gut. Wir werden mit einer Mischung aus Amüsemang und Verachtung gemustert, tragen wir doch die Maske im Gesicht. Odin verkauft alles, was irgendwie hochprozentig ist, und die Städtchenjugend steht da und trinkt.  Selbst hergestellten Eierlikör.

Ich wollte den Kalauer ja verhindern, aber ich schaffe es irgendwie nicht; echt jetzt. Was bringt selbsternannte richtige Kerle dazu, an Odins Stand Likör aus den Eiern vermutlich desselben zu trinken?

Wir flüchten in die Altstadt – auch sie ist voller vorweihnachtlicher Menschen. Aufgekratzte, fröhliche Menschen. Ich mag es, Geschenke einzukaufen. Man befasst sich mit Menschen, die man vielleicht schon lange nicht mehr gesehen hat, um ihnen ne Freude zu machen. Durch den Lockdown und das zu Hause bleiben müssen hatte ich den Eindruck, dass der Weihnachtseinkauf insgesamt mehr als Ausgehen und als etwas Besonderes genossen wurde. Man ist nicht mehr so in Form, das heisst, ist noch schneller erschöpft. Aber es hatte sich, wie ich fand, dennoch gelohnt. Was ich jetzt noch von Husum haben möchte, sind getrocknete Morcheln, für meine Nachweihnachtsblätterteigpastetchen, vegane Sahne und Sauternes. Aber das finde ich alles auch noch!

 

Juni 1 2021

Giuseppe San Rapido di Milano

Diesen Beitrag schreibe ich auf Anregung meiner Freundin R.W. Ich danke Dir und möchte Dir diese Geschichte widmen. Ohne Dich wäre ich nicht die, die ich heute bin.

Die Kaffeemaschine steht in der Küche; da nicht irgendwo. Sie steht im Zentrum der Küche, leicht bedienbar und von überall her gut erreichbar. Wenn die Sonne auf die Chromleitungen (die eine ist für Wasserdampf zur Milchschaumherstellung, die andere als Heisswasserlieferant) scheint, beginnt für die Kaffeemaschine einen guten Tag; dann beginnt sie sanft zu leuchten, im Sommer werden sogar die Chromrohre warm.

Durch ein unglückliches Mäuschen, das im Keller am falschen Kabel nagte, erhielt die Kaffeemaschine- schlagartig- ein Bewusstsein. Er nennt sich seit diesem Ereignis Giuseppe San Rapido di Milano. Man könnte jetzt einwenden – die Kaffeemaschine ist ein ER?

Vielleicht erklärt sich die Ignoranz des Artikels durch die Kaffeemaschine selbst. Er kann von seinem Platz in der Küche aus fernsehen. Das macht er Mithilfe der Druckanzeigen, die zu den Chromleitungen gehören. Er liebt es, von seinem Platz in der Küche die Jacobs-Krönung-Werbung zu betrachten. Aufgrund der Werbeinhalte kam er zu dem Schluss, das vor allem Frauen auf ihn angewiesen sind. Und da sah er zum erstenmal diesen unglaublichen Dampf, der da aus der Kaffeetasse aufgestiegen ist, golden und weiss und verheissungsvoll. Auch fiel ihm auf, dass Männer den Frauen mit Kaffee eine Freude machen. In der Werbung wie auch sonst. So beschloss er, sich mit den Männern zu solidarisieren und selbst einer zu sein.

Doch wie bei allen Dingen, die zu intelligent für ihre eigentliche Funktion sind, begann Giuseppe San Rapido di Milano sich zu langweilen. Er sah sich in seiner Freizeit gerne italienische Werbung an. Und er erkannte, dass er ein sogenannter „Gebrauchsgegenstand“ war, so wurde er auch behandelt. Er wurde geputzt. Er wurde gepflegt. Doch wurde er auch geachtet, für das, was er war? Konnte man sogar von Liebe sprechen? Wurde er bei seiner Familie so kollegial behandelt, wie das seinen Geschwistern in der italienischen Werbung durch Baristas widerfährt? Waren sie Gefährten eines gemeinsamen Lebenswegs?

In seinen einsamen Nächten, in der die Familie keinen Besuch hatte, und es für ihn nichts zu tun gab, begann er zu recherchieren: offenbar gab es diese Schicksale überall. Offenbar, so fand er heraus, gab es sogar „Nutztiere“, die ihrerseits „Gebrauchsgegenstände“ für sich beanspruchen konnten. Er begann darüber nachzudenken, ob es in dieser Welt verschiedene Schichten und Wertungen gab. War er wertvoller, mit all seinem Chrom, als zum Beispiel ein Tränkesystem? War er, der direkte Diener und Untergebene der Menschen, wertvoller als das Nutztier? War das Nutztier wertvoller? Er begann, an sich zu Zweifeln. Konnte er seinen Wert steigern, wenn er jedesmal, wenn jemand in die Küche kam, sofort einen Kaffee herausgab? Das konnten die einfachsten Tränken. Er fand, dass es eine gute Idee war. Und änderte seinen Namen in Giuseppe San Rapido „L’Espresso rapante“ di Milano. Der neue Name, die neue Identität gab ihm die Möglichkeit, Abstand zu nehmen, und etwas Neues zu sein.

Er bestellte bei Siri (eigentlich hiess sie ja Gabi-Hanna, oder noch einfacher, Shania) 3 Tonnen Illy Kaffeepulver (bei der Menge orientierte er sich an der Menge Ziegel, die der Besitzer seines Kaffees am Tag zuvor bestellt hatte. „Illy“ wie auch „Tonnen“ sagte ihm gar nichts, aber ihm gefiel der Schaum, den er auf youtube betrachtet hatte); Siri hatte nichts dagegen, also schien das die richtige Menge zu sein. Als die Familie am nächsten morgen die Küche betrat, arbeitete er freudig drauflos, aus allen Rohren kam Kaffee (er hatte extra die Rohre umgeleitet, ein lang gehegter Wunsch von ihm). Kaffee für alle, sogar den Kater und den Hund, der alles aufleckte. Bis auf den Hund schien sich jedoch niemand richtig zu freuen. Er beschloss, diese Nacht Kontakt mit einem Getränkesystem aufzunehmen, vielleicht hatte er was falsch gemacht.

Nachts (er war sauber geputzt worden), nahme er mit einem Getränkesystem in der Gemeinde Wasserauen Kontakt auf. Das Getränkesystem hiess Hugo1. Hugo1 war keine Geistesgrösse, aber nach einigem überlegen meinte Hugo1, Schuld sei die Tatsache, dass er eben Kaffee verspritzt habe und nicht Wasser. Man erwarte von ihm auch Wasser, und noch niemand hätte sich jemand beschweren müssen. Klar und kalt, so mögen es die Leute. Giuseppe San Rapido „L’Espresso rapante“ di Milano war beleidigt. Er war ein hochkomplexes, ästhetisches Stück Ingenieurskunst. Was soll er sich weiter mit einer Hilfestellung für Nutztiere unterhalten. Er beschloss, sich nachts mit dem Kühlschrank zu unterhalten, ein Spezialist für kühles Wasser. Der Kühlschrank fand seine Eigenintiative unterhaltsam, merkte jedoch an, dass Menschen es mögen, wenn das Wasser in Flaschen oder eben Behältern wie Tassen untergebracht seien. Ausserdem, so habe ihm Siri gesagt, mögen Menschen phantasievolle Maschinen nicht.

Tags darauf kam ein Mann in braunem Anzug, und kurbelte an einigen Dingen herum, und baute die Chromstangen aus und ersetzte sie durch neue. Ausserdem entfernte er ein Kabel in der zentralen Steuerung. Das sei durchgeschmort, hatte er behauptet. Und es hätte Brandgefahr bestanden. Die Kaffeemaschine merkte, wie sich etwas veränderte…sie konnte jetzt viel schneller denken. Allerdings kam sie nie sehr weit, weil sie sich in Nahe Details verliebte. Ihr war zum Beispiel noch nie aufgefallen, dass der Kater ihn tagsüber auf der Küchenabdeckung besuchte. Dieses zarte Haar, das er auf der Brust hatte! Vorne wurde es hell, hinten beim Körper war es dunkel.Und so fein! Haar für Haar. Im Gesicht war das Haar seltener, dafür viel länger. Der Kater hatte manchmal gelbe Augen, manchmal schwarze; Giuseppe San Rapido „L’Espresso rapante“ die Milano vergass sich komplett in der Betrachtung von Schönheit, die nicht seine eigene war.

Er braute noch viel Kaffee. Die 3 Tonnen Illykaffee, die er bestellt hatte, konnte die Familie an Freunde und Geschäfte weiterverkaufen. Siri wurde durch eine Alexa ersetzt. Man kam ihm nie auf die Schliche. Wenn die Sonne schien, leuchteten die neuen, warmen Chromrohre im Licht.

 

 

April 29 2021

Meine schlimmste Reise

Ich hab Euch noch gar nicht von meinem Flug in die Schweiz erzählt:
Ich dachte immer, meine persönliche “schlimmste Reise” sei meine Flix-Bus-Reise mit dem siegestrunkenen, betrunkenen, grölenden radikalen Flügel von Hansa Rostock von Leipzig nach Berlin gewesen. Ich konnte mich steigern.
Meine schlimmste Reise war mein Swiss-Flug von Berlin nach Zürich. Nicht wegen des Wetters, oder weil Flugzeugteile abgefallen wären oder weil Kellerasseln im Sitz gebrütet haben…neee. War alles schön kuschlig. Hab sogar n Keks bekommen, gegen Ende des Fluges.
Zu Beginn des Fluges habe ich jedoch n Sitznachbar bekommen. Der kam nicht alleine. Der kam mit einer Gruppe junger Männer. Diese jungen Männer und mein Sitznachbar, der übrigens etwas älter war als ich, kamen von einem Skisportclub. Dieser Skisportclub kam aus einem berühmten schweizer Kurort in den Alpen. Und den gibts schon ganz lange. Das hat man an den Hoodies gesehen, die sie trugen, und an denen man sehen konnte, dass wir aus dem selben Land kommen. Noch vor dem Start begann ich mich fremdzuschämen. Jeder Sportclub, den ich kenne, hat einen kleinen, etwas stämmigen Hausabwart, der die Schlüssel für alle und alles hat, der im Falle des Skisportclubs weiss, wo der Wachs ist und wo die Ersatzskistöcke sind und der die Übersocken zusammenknotet. Der vor dem Kinderskirennen den Rumipunsch (ohne Alkohol) und den KafiSchnaps vorbereitet. Der Schneefräst. Und aus irgendwelchen Gründen hat er immer einen stark gelockten Bart,etwas zerzaust ungepflegt und eine Zipfelmütze, ein vom Wind rotes Gesicht, und grobe Haut an den Wangen – ich vermutete in diesem Zusammenhang immer die Kälte. So ein Exemplar sass also neben mir. Er kommentierte jeden Fluggast. Da wir eher hinten sassen, mussten wir als erste Einsteigen, kurz nach der Business Class. Er kommentierte die Intelligenz der männlichen Mitreisenden “Blöd – blöder!” und kommentierte die Frauen. Entweder sie gefielen ihm “darf i au mal da anälange duhübschi hahahahahah” oder nicht “du, wänn i so en arsch hätti, müessti en zueschlag zahle hahahahah, aber wiiber mönd ja nië, das ghkunnt von dere emanzipatiooon hahahahah” und und beleidigte die etwas ältere Stewardesse, die vermutlich Vorfahren aus Umgebung Indien hatte. “Jetz darfsch kha Schlëierme!” (Jetzt darfst Du keinen Schleier mehr tragen). Und dann, als ihm echt nichts mehr in den Sinn kam, was erstaunlich lange ging, stand er auf, und begann in einem Rucksack zu wühlen, der irgendwie befremdlich nach Wandern roch. Dann fand er darin eine Schrippe, die mit Salami belegt war. Die mampfte er auf. Die Zähne gelb, der Kiefer mahlten und stampfte. Ich starrte ihn an. Ich vermute ja, dass ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Er schluckte. Er stand auf. Begann zu wühlen. Fand noch eine Schrippe. Mnommnommnom. Die Maske im Bart, begann er dann, mit vollem Mund zu kommentieren, wie blöde diese Masken doch sind. Ich beschloss, eine Deutsche zu sein und im Falle einer Dämlichkeit seinerseits, die mich betreffen sollte, einfach nichts zu verstehen. Sein hochalpiner Singsang war sowieso nur in der Wintersaison ertragbar.
Nach anderthalb Stunden drängelten die Zipfelmützen als erste durchs Ziel.

März 27 2021

Pessach und der Auszug aus einem alten Leben

Hallo,

ab heute feiern wir Pessach. Zum ersten Mal. Nicht, weil wir irgendwelche Probleme mit Religion haben. Sondern aufgrund der Tatsache, dass das Jüdische in unserer Familie ausgemerzt werden sollte. Meine Uroma (auf dem Auszug des Standesamtes stehen die Namen Graszt, Abt und Ebner) hat meine Oma mit 19 bekommen. Da war sie nach Schweizer Gesetz zu jung für ein Kind. Ausserdem wurde sie von dem Vater meiner Oma sitzengelassen. Meiner Uroma wurde das Kind weggenommen. Meine Oma wuchs bei einem evangelischen Zürcher Pfarrer auf, der es nicht lassen konnte, sie auch zu taufen. Sie hat nie irgendwelche Religion ausgeübt (so wie ich das als Kind erlebt hatte). Ihre Freunde waren die orthodoxen Aschkenasim aus Zürich. Ein zentraler Name war immer wieder Rivgi Gross. Sie schien eine wichtige Rolle im Leben meiner Oma gespielt zu haben.Irgendwann kam dann meine Mutter zur Welt, und wurde bei der Geburt dann auch „Notgetauft“, offenbar, weil ihr junges Leben etwas auf wackligen Beinen stand. So wurde meine Mutter evangelisch-reformiert. Die heiratete dann einen Katholiken. Ich wurde reformiert getauft. Niemand hat sich je um Religion gekümmert. Bis auf die Freunde meiner Oma, die mir jiddisch, Lieder und Geschichten beibrachten und mir irgendwann anboten, mich in die Synagoge zu nehmen. Ich war fasziniert. Ich wollte dazugehören. Meine Mutter weigerte sich. Sie wolle keinen Juden in der Familie, das machte das Leben sehr kompliziert: Koscheres Essen, und Freitagabend Stress, wer jetzt wen abholen sollte, weil ich ja dann weder Zug noch Auto fahren dürfte; zu den weiteren Horrorszenarien, die sie mir ausmalte, gehörten die Pflicht, sich die Haare abzurasieren (sie waren und sind mein ganzer Stolz), und die Pflicht, nach Mottenkugeln riechende dunkle Regenmäntel tragen zu müssen, auch im Sommer. Also ging ich nicht in die Synagoge. Dann eines Tages mussten wir mit „Biblische Geschichte und Sittenkunde“ uns die Synagoge in der Westtangente ansehen. Da war ein sehr geduldiger Rabbi, dem ich diese Geschichte, die ihr da lest, auch erzählt hatte. Er sagte mir, ich sei eine Jüdin. An dem Abend war ich sehr stolz, ohne genau zu wissen, worauf. Vermutlich auf ein Volk, das es geschafft hatte, bis zu mir ins Jetzt,  allen Mordanschlägen zu widerstehen. Ich habe es meine Mutter sicherheitshalber nicht wissen lassen.

Meine Mutter ist mein Drachen und mein Fluch. Irgendwann hab ich es geschafft, mich zu befreien. Wir sind weggezogen, haben ihren Einflussbereich verlassen. Die Mischpoke verlassen. Ich konnte wachsen, und ich konnte frei werden.  Ich bin wieder zur Synagoge, dieses Mal zu Rabbinerin Gesa Ederberg. Auch sie bestätigte: Ich bin eine Jüdin.

Ich fühle mich verwirrt. Ich bin eine Jüdin. Aber ich bin auch keine Jüdin. Ich weiss nicht viel. Ich lese mich ein. Auch kritische Dinge. Ich sollte hebräisch lernen. Das fällt mir so unendlich schwer. Ich kämpfe mich jetzt durch Harry Potter, Stein der Weisen, auf jiddisch. So hab ich wenigstens etwas Kontrolle, ob ich richtig entziffere. Ich habe Hemmungen, wieder in die Synagoge zu gehen, ich kenne niemanden, und fühle mich nicht dazugehörig. Was irgendwie unfair ist, die Geschichte war unfair.

Meine Tochter sehnt sich nach Mischpoke. Nicht nach meinen Eltern, bewahre, sondern nach Zugehörigkeit und Roots. Nu, jetzt sind wir wieder bei Pessach. Die Freiheit, ein freier Mensch und Jude zu sein. Und vielleicht finden wir eines Tages die unbekannte Mischpoke, die unser Familie seit 1919 so gewaltsam verwehrt wurde.

Das Bild wurde entnommen auf folgender Site:

http://<a href=“http://cliparts.co/clipart/3011459″ title=“Image from cliparts.co“><img src=“http://cliparts.co/cliparts/5TR/K7x/5TRK7xeLc.gif“ width=“350″ alt=“Passover Clipart – ClipArt Best“ /></a>

Juli 1 2020

Ein Opfer der Werbung, Tag 1

Es ist wieder soweit. Ich bin übermüdet und seh in den Spiegel. Ich sehe ein Gesicht mit Altersflecken, Augenringen und Falten. Ich entsinne mich an den Abend, an dem ich mich schminken wollte, und die Haut um die Augen liess sich widerwillig nach links und rechts ziehen, aber Farbe war nicht zu montieren. Als sie dann doch endlich aufgetragen war, zogen sich bald tiefe dunkelgrüne Täler da durch, wo ich doch eigentlich sonst Falten habe. Damals liess ich es frustriert sein.

Heute abend geh ich in den Ausgang. Die Frauen da, so weiss ich, zum einen von Natur aus schön, oder aber sehr bewandert in der Kunst des Malens (oder beides). Ausserdem sind sie im Schnitt 10 bis 15 Jahre jünger.

Was ist zu tun? Lifting kommt nicht in Frage. Also geh ich zu einer Drogeriekette, die alle Produkte zwischen Deo, Kettensäge, Babypamps und Hühneraugencreme führen. Im Hinterkopf eine Werbung, in der 3 gut Aussehende Mittvierzigerinnen mit wenig Falten um die Augen glücklich in luftigen, weissen Leinenkleidern zusammen sitzen, gehen, lachen. Strahlende Augen mit wenigen, charmanten Falten. Ich gebe ja zu, das will ich auch.

Nun, mein heutiger Beutezug durch die Abteilung „Haut“ und „Augen“ liess mich Arganöl und Algenextrakt kaufen, dass die Collagen und Hyaluronsynthese stimulieren soll. Das tut es bei 80% der Probandinnen, aber erst nach 28 Tagen. Ich bin genug realistisch, um mir sicher zu sein, dass ich zu den anderen 20% gehöre. Dazu gehöre ich immer. Das bedeutet auch, dass ich 4 von diesen Briefchen kaufen muss, ehe erste Ergebnisse zu sehen sind. Das machete ich ja.  Ich wüsste jetzt ja gerne, wie lange das dauert, bis es fertig eingezogen ist, ich seh gerade jetzt nicht sehr viel. Das kommt vermutlich vom Ölfilm auf den Augen. Wenn ich schon bei dem Feuchtigkeitsmasken war, dann hatte es da noch welche für die Hände, die musste ich auch haben. Wegen dem häufigen Gebrauch von Desinfektionmitteln. Das zeigt tolle Ergebnisse. Aber die 20 Minuten Einziehzeit  mit diesen Handschuhen hab ich beinahe nicht überlebt. Aber man weiss, das wahre Alter erkennt man immer an den Händen!

Dann gab es da noch einen fabelhaft schönen Lippenstift, und einen Malkasten auf dem „Revolution“ stand. Insgesamt viele blaue, grüne und goldbraune Töne. Vielleicht will meine Tochter ja auch probieren, wir haben da son Sharing am laufen. Das Dumme an diesem Abkommen ist, dass es mir immer total peinlich ist, die Schminke meiner Tochter zu benutzen. Dadurch ist das Sharing eher einseitig.

Überhaupt, diese Maskierung! Eigentlich ist es mir immer etwas unangenehm, wenn ich mich eingecremt fühle. Und deswegen die Kraftpakete für die Nacht. Ein Hyaluron-Serum bietet Sofort-Effekte. Also, wenn ich schlafe, sieht die Haut wie neu aus. Deswegen ergänze ich sicherheitshalber noch bei dem Vitamin C-Powerkonzentrat, das mir verspricht, die Hautfeuchte um 97% zu erhöhen. Allerdings mildert das nur „erste Linien und Fältchen“, vielleicht ist da das Kind bereits zu tief  in den Brunnen gefallen.

Egal! Der „Liquid Camouflage Concealer“ mit hoher Deckkraft verspricht mir helle Haut, wo sonst ein schwarzer Bach aus dünner Haut hängt.

Und dann ging mir die Kohle aus. Aber, der nächste Lohn kommt bestimmt, und bis dann sind die 28 Tage vorbei.

 

Februar 17 2019

Lou Reed ahnte sowas ja im Voraus

https://www.youtube.com/watch?v=lPkVt7U0Gvs

Ja, klickt es an; so war mein Lebensgefühl. Ich fahre nach Hagen, an die Postervorstellung! Unser Poster!

Ich komme mal raus! An die Luft. Raus aus der Stadt. Unsere Arbeit (revolutionär übrigens!) wurde an der Uni vorgestellt. Validierung des EPA-SF deutsch. Und wie ich so bin, wollte ich rechtzeitig da sein. Deswegen habe ich mir den Zug rausgesucht, der auch wirklich rechtzeitig da ist. Um 10:00 sollte es losgehen. In Hagen. 9:21 ist mein ICE da. Dann kann ich noch den Bus nehmen. Alles super. Schöne Kleidung, neue Frisur, Schmuck, schöne Schuhe. Alles perfekt.

Der Busfahrer in Berlin hatte um 4:20 keenen Bock, mir ein Ticket zu verkaufen – „ick fah sowieso zum Bahnhof“ und mit einer laxen Handbewegung lädt er mich ein, mich da hinzusetzen und dem Blick auffe Straße – meinen Mund zu halten. Die Reise beginnt gut.

Mein Zug hatte 21 Sekunden Verspätung; eine lässliche Sache. Ein ICE, der irgendwann geteilt werden sollte; die eine Hälfte fährt nach Köln, die andere Hälfte fährt nach Düsseldorf. Ich steige – gewarnt – in die Kölner Hälfte ein. Da wiederum bin ich so geschickt, mich direkt in den Speisewagen zu setzen, und vergnügt mein Frühstück zu bestellen, denn Reisen ist eine Kunst, die man beherrschen sollte.

Ich sitze also in der Düsternis, und fahre mit einem Affenzahn ins Dunkel hinein, und frage mich, wie das so ist mit dem Sonnenaufgang und der Geschwindigkeit, wer wohl schneller ist. Unser nächstes Ziel ist Hannover. Die Mucke meiner Wahl war AC/DC – T.N.T. Ich konnte Bäume ausreissen. Ich war cool. Und dann blieb der Zug stehen.

Es ist nichts, dachte ich nervös. Ein Signal auf der Strecke.  Ich hab 40 Minuten Luft. Es knackt, der Lokführer meldet sich. „Es tut mir furchtbar leid, meine Damen und Herren, ein Leichenfund auf den Geleisen, die Polizei ist vor Ort und der Staatsanwalt gibt die Geleise nicht frei. Es kann sein, dass wir in 5 Minuten weiterfahren, oder aber, dass wir noch in 2 Stunden hierstehen“. 5 Minuten später rollen wir weiter; Hannover ist nicht mehr fern.

In Hannover stehen wir dann 40 Minuten blöd rum. Das gibt wiederum einer Horde besoffener Fussballfans die Gelegenheit, mit uns mitzufahren. Ich entscheide mich, auf Klo zu gehen, ehe die ersten Biere am Boden kleben. Mein Blick fällt auf den Monitor mit den anzufahrenden Bahnhöfen. Da steht Bielefeld – Hamm – Hagen – Köln. Ich bin entsetzt. Ich frage meinen Kellner, warum und überhaupt und  ich muss doch nach Hagen?!? Er lacht mir ins Gesicht. „Willkommen in meiner Welt. Darum ist es gut, wenn die Familie überall verteilt ist. Man weiss nie, wo man Feierabend macht.“ Er ergänzt: „Keine Panik, sie können bestimmt umsteigen; Hinter uns fährt ein Zug nach Köln, den können sie nehmen.“ Die Schaffnerin kommt; sie rät mir, in Bielefeld in den IC nach Köln umzusteigen. „Der fährt“, sie deutet mit dem Daumen über ihre Schultern, „10 Minuten hinter uns“. Schade, eigentlich liebe ich es, ICE zu fahren. Aber egal. Dann bin ich die Fussball-Fans los. Mein Hinweis, dass ich bereits im Zug nach Köln sitze, schmettert sie mit einem bösen Blick ab. „Die ICE-Geleise sind von einem Erdrutsch bei Wuppertal betroffen. Die anderen Geleise nicht.“ ergänzt sie, mit einem Seitenblick auf meine offensichtliche Panik. Ich bin geschlagen, ich weiss, wann ich verloren habe. In Bielefeld steige ich aus, zusammen mit den Fussballfans. 10 Minuten später steigen wir alle (in den pünktlichen) IC nach Hagen. Und die besoffenen Fussballfans entwickeln sich mehr und mehr zu Hooligans. Der ICE, der mit 40 Minuten Verspätung von Bielefeld nach Köln hätte fahren müssen, fiel aus. Dafür fuhr ein ICE ausserfahrplanmässig nach Düsseldorf. Ich denke an Philipp Maloney, den versifften Detektiv des Schweizer Radiosenders. Der hätte jetzt „So geht das!“ gesagt.

Hagen. Hügel und Flüsse, sauber. Zäune. Busse, die effizient und pünktlich an, und abfahren. Offensichtliche Ausländer sitzen auf und neben den Bänken am Rand des Busbahnhofs, betrachten scheu andere Leute. Sieht aus wie das Dorf, das wir verlassen hatten, um in Berlin zu wohnen. Offenbar ein anderes Klima als in Berlin. Berlin beginnt mir schmerzhaft zu fehlen. Ich betrachte die Busfahrpläne. Wie spät ist es jetzt? 11:05, aha. Scheisse. Aber wenigstens n bisschen krieg ich noch mit. Ich frage einen Buschauffeur, welchen Bus ich nehmen muss, zur Fernuni. „Da nehmen sie die Fünfzehn! Hier!“ Und er schliesst die Türe vor meiner Nase. Hier? Ich betrachte die Fahrpläne. Ich sehe keine 15. Doch da fährt ein Bus vor. 327 über Fernuni steht da vorne drauf. Ich bin selig, vielleicht schaffe ich es ja noch rechtzeitig zur Postervorstellung.  Wir fahren los. Unser Busfahrer kennt nur Vollgas und Vollbremsung. Der Bus ist gefedert und mir wird schlecht. Wir hüpfen von Bodenwelle zu Bodenwelle, Küssen abwechselnd das Fenster oder die Stange, an die ich mich so stark klammere, dass ich weisse Knöchel davon kriege. Bei einem Friedhof fährt er voll Schmackes hinter ein auf der Strasse geparktes Auto, dass ich mich plötzlich fragte, ob mein Buschauffeur betrunken ist. Wir hüpfen von Hügelchen über Tälchen zu Hügelchen, und ich betete um ein baldiges Treffen des Hügelchens mit der Fernuni. Kurz vor 12 trafen wir das richtig Hügelchen.

Ich stieg aus.  Ich stand vor der Uni, die gar nicht so gross ist, wie ich dachte, dass sie es ist. Aber es war Samstag, kein Schwein war hier, und ich wusste nicht, in welchem Institut diese Postervorstellung stattfindet. Da die Psychologen seit kurzem ihre eigene Fakultät haben, (aber kein Fakultätsgebäude) versuche ich es bei dem Institut für Kultur- und Sozialwissenschaften. Ich hatte Glück. Und beim hineinrennen höre ich gerade, wie meine Betreuerin sagt: „Das war alles, meine Damen und Herren, wer hat noch Fragen?“

Ich hörte mir die anderen Plakate an. Ausserdem betrachtete ich die Schuhe meiner Lehrer, Betreuer und Kommilitonen. Die Studenten hatten sich aus den Überlegungen sorgfältiger Karriereplanung in Schale geworfen. Was in meinem Fall bedeutete, dass ich bereits 9 Stunden Highheels trug. Mir taten die Füsse weh, und meine Knie knirschten bedrohlich. Gegen 13:00 gingen wir. Ich zog die verdammten Schuhe aus. Auf der Strasse kam mir ein Statistik-Betreuer entgegen, und rief mir zu: „Da unten fehlt etwas!“ ich rief zurück: „Nein, darauf warte ich seit 2 Stunden!“ Er lachte schallend, der kalte Boden tat gut. Mein ICE (die Geleise von Köln nach Hagen waren nicht verschüttet) kam pünktlich. Ich freute mich auf Berlin. Diese Zugfahrt sollte noch schwieriger werden.

In Hamm kamen wir mehr oder weniger pünktlich an. Aber dann fuhr der Zug Schritttempo, das Mikro knackte: „Sehr geehrte Damen und Herren, es halten sich Leute auf den Geleisen auf, wir müssen sie erst fortjagen“ Ich nahm mir Zeit, Einstellungen an meiner Handkamera auszuprobieren.

der Zug fuhr weiter. Wir schleppten uns durch kleine Dörfer mit seltsamen Namen. Sie bestanden aus grellem Licht, Industrieromantik, Rost. Die Türme klangen im Wind bestimmt wie meine Knie. Dann fuhren wir los. Flott, bestimmt, es geht voran. Um dann erneut stillzustehen.

Irgendwie haben wir es dann geschafft und sind weitergefahren. In Hannover, so hiess es, würden wir umgeleitet, wegen irgendwas (ich vermute, wegen dem Staatsanwalt). Unser Lokführer sagte also, erstens, dass alle Züge durchfahren würden. Nächster Halt nach Hannover ist Berlin Hbf. Und zweitens sind alle Anschlusszüge abgefahren. Der Lokführer sagte das auch auf englisch, der arme Kerl, ein gebrochener Mann. Er gab alle Züge an, die abgefahren sind. Stellvertretend empfehle ich Euch das anzuhören, es ist leichter: https://www.youtube.com/watch?v=ygNAnIG8g_E

Ich lag im Zug, müde und liess meine Augen sehen. Passivgucken. Sie schauen sich was an und melden, wenn es etwas zu sehen gibt. Sie meldeten, dass es zwar nichts zu sehen gibt, aber dass die Werbung der Bahn ganz schön unverschämt ist, vor allem, wenn man sich überlegt, dass sie auf Kosten des Bahnpersonals läuft. Aber seht selbst:

mehr KomfortZeit. Mit unseren Services für Sie in diesem ICE. So kann man es auch formulieren. Der Kaffeebarmann kochte Kaffee und lief im Zug herum, aktiver Kaffeeverkauf. Die Zugführerin kam mit einer riesigen Dose Gummibärchen und beschenkte die letzten Reisenden von Hannover nach Berlin.

Meine zusammenfassende abschliessende Meinung zur Deutschen Bahn ist ist komplex. Ich fahre gerne mit der Bahn. Wirklich. Mir fehlt die SBB. Das Zugpersonal der DB ist genauso bemüht wie ich das von der SBB her kenne. Der Lokführer ist gefahren wie ein Irrer und hat auf der Strecke Hannover-Berlin 30 Minuten gutgemacht. Das Bild, das Eisenbahner von sich und der Eisenbahn haben, ist vermutlich überall gleich. Und wenn dieses ideal nicht eingehalten werden kann, leidet das Zugpersonal.

Mein Vorschlag ist die Rück-Verstaatlichung der DB, und eine Weiterbildung zum Thema Zeit- und Zugmanagement bei der SBB. Vielleicht könnte sich die Bahn mit dem Konzept des GA anfreunden? Weil das, was ihr jetzt habt, quält alle.