Januar 24 2024

Leerfahrt

Heute ist der erste Tag des richtig langen GdL-Streiks im Jahre 2024. Ich bin sehr happy, dass ich mit dem Bus zur Arbeit muss, denn die fahren glücklicherweise. Mein frühmorgendlicher (und allabendlicher) Stresstest dabei ist nur das einsteigen. Die kleinen Könige über ihr Reich sind nämlich, ihr ahnt es sicher, die Busfahrer. Ich vermute mal, vorgesehen ist, der Busfahrer hält an der Endhaltestelle, ändert sein Zielort auf den neuen Zielort, wobei der Wechsel nur über „Leerfahrt“ erreicht werden kann. Dann sieht er sich den Bus an, schmeisst Abfall weg und sammelt Vergessenes ein. Dann lässt er neue Gäste (zahlend!!!) Hinein seinen Bus. Im Normalfall stagniert das bei der Stufe „Leerfahrt“ und dann rufen sie Partner*in an, oder Schulkinder. Heute, das will ich euch nicht ersparen, haben wir einen neuen Gipfel des Busabsolutismus erfahren. Bei uns draussen, oder Pöbel, oder „dem Volke“, wie man möchte, pfeift es relativ warme Windböen von gut 110 km/h. Der heutige König ist ein Pedant. Sein Leben ist der Fahrplan. Das ermöglicht ihm, während Streiks zu fahren. Oder auch, die Türen bei Sturm geschlossen zu halten, während er langsam kreisende Bewegungen mit den Hüfen macht, und dieselben langsam einknickt. Dehnübungen im Eingangsbereich des Busses. Wir stehen windzerzaust draußen und segen zu. Die Hose sitzt auch nicht richtig, er muss dran zupfen. Der Effekt ist klein. Er sieht uns an. Kreist noch etwas. Dann streckt er sich, steigt ein und beginnt zu telefonieren.

April 9 2023

Auf gute Nachbarschaft!

Ja, ich muss mal kurz etwas abkotzen. Vor einem guten halben Jahr zog sie mitsamt ihrem noch sehr kurzen Lütte ein. Die frisch getrennt oder geschiedenen neue Nachbarin. Wir haben sie begrüsst, und ja, von da an freundlich Distanz gehalten. Einmal habe ich Sie kurz gefragt, ob sie uns hört, oder ob unser Verhalten so mehr oder weniger okay sei? Die Vormieter seien halt nicht so amused gewesen, weil ihr Lütte unter unserer Küche geschlafen hatte. Sie bat uns etwas verlegen, abends die Geschirrwaschmaschine nicht zu starten, denn um 7 muss ihr Lütte ins Bett, und dann würde die Maschine so gurgeln. Aber dann sei ja auch ruhig und so, alles Bestens. Ich versprach, etwas auf die Zeiten zu achten. Umgekehrt bin ich ja bezüglich Lärm und Krach ja eigentlich Berlin-geprüft, es dauert bei mir immer etwas, bis mich etwas zu stören beginnt.

Gestern also, stand sie, wie im billigsten MILF-Porno vor mir, sie hat sicherheitshalber unten geläutet. Und dann stand sie da auf 3/4 Höhe, ein seitliches Fragezeichen, mit zur Schnute gezogenem Schmollmund, kaugummikauend. Ihr zu tiefer Ausschnitt, der entrüstet fibrierte, die billige Dauerwelle, der kurze Mini, die grauen Crogs, das Gesamtpaket Erotik für den Haus- und Hofgebrauch, mit dem knalligen roten Ausverkauf-Lippenstift von Rossmann oder dm. Ob wir wohl endlich (hier der genervte Augenaufschlag) Filzunterlagen an unsere Stühle tun würden, der Lütte hört unsere Stühle, und „immer um 19:00 Uhr geht das los in der Küche!!!“ Ich: „Wir sind dann endlich zu Hause und kochen…!“ „HAH, jaaaaaaaa, aber das hört man so guuut!“ dazu geht sie zwei Tritte die Treppe runter, sie rechnet wohl mit einem Angriff. Dabei immer diese genervte Mimik, die eigentlich bei jedem der bereits über 15 ist, lächerlich wirkt. „Es sei nicht böse gemeint, einfach nur eine Bitte!“ wiederholt sie mehrfach, ich sehe wohl ärgerlich aus, am Ostersamstag beim Frühstück unterbrochen zu werden, wegen meinen Stühlen, die auf dem Küchenboden quitschen.

Ich verspreche, vermutlich kochend und zischend wie eine überhitzte Dampflok, dass ich meinen Stühlen Filzpantöffelchen zulegen werde, „ist halt ein bisschen doof, jetzt kann ich nicht mehr einkaufen gehen bis Dienstag, die Läden sind zu, das ist hoffentlich klar?“ meinerseits konnte ich mir nicht verkneifen. Sie meint, das sei in Ordnung, kein Ding, kein Problem, dankedankedanke, nicht bös gemeintetceteraetcetera. Ich denke meinerseits an all die durchwachten Nächte, bei denen wir als Paar gemeinsam die vorgetäuschten nachbarlichen Orgasmen mitgelitten und mitkommentiert hatten. Ihre Tanzorgien, wenn Lütte bei Papi ist, und ihre Dates vorbeikommen. Aber ich hielt den Mund, denn ich bin ja höflich.

Heute hört sie ziemlich laut Musik. Ich bin mir nun nicht sicher, ob das Musik ist oder eine Nähmaschine. Auf alle Fälle nervt es, und ich weiss jetzt wirklich nicht, ob ich meinerseits augenrollend vor fremden Haustüren rumstreunen soll.

Februar 7 2023

Jugendarbeit, Heimkinder und die Liebe

Ich arbeite in einem Haus, das sich für den Jugendschutz einsetzt. Was heisst das? Ich habe UMFs, und § 41a, 42 SGB VIII. Löst das bei Euch ein allgemeines Gefühl von HÄH? aus? Ging mir auch so. Das heisst, das wir uns um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (die so toll abekürzt sind) und uns um Inobhutnahmen von Jugendämtern kümmern. Ich dachte, die Geflüchteten würden mehr Probleme haben – Flucht, Misshandlungen aller Art, Kriegserlebnisse. Aber das ist nicht so. Die einen haben ihre Religion, die anderen haben ein Ziel: Wenn sie schon wegmussten, weil das die Mutti so wollte, als sie von der Schule nach Hause kamen, dann wollen sie auch alles richtig machen: Schule, Karriere, Ehrgeiz und Arbeit. Ich habe von diesen Zeugnissen, die diese Kinder mit nach Hause bringen, einfach nur geträumt.

Ich will über die europäischen Kiddies schreiben. Allesamt hatten in ihrem Lebenslauf eine „Bodenwelle“, die sie vom Kurs brachten. Verrückterweise, um jetzt die Metapher weiterzuverwenden, sind diese Bodenwellen nie selbstverschuldet.

So ist jedes unserer Kinder entweder Opfer von politischen Fehlentscheidungen oder aber, Opfer der eigenen biologischen Eltern. Die wenigsten haben Kontakt zu den biologischen Eltern, da das Jugendamt diesen Kontakt verboten hat, da die biologischen Eltern nicht fähig (das hat jetzt nichts mit Finanzierung zu tun) oder willens sind, für die Kinder zu sorgen. So sind sie bei Zieheltern grossgeworden, „bis es nicht mehr ging“. Dann ging der Tanz um passende Heim los. Aktuell sind wir für die meisten unserer Kinder das passende Heim.

Mein Feind Nummer 1 sind Drogen, allen voran der Alkohol. Aber auch andere Drogen, und den Kampf um die Zigaretten habe ich verloren. Ich würde ihnen gerne die Liebe und Wärme geben, die sie brauchen, aber das kann ich nicht. Da würde ich meine Distanz verlieren. Das geht allen Betreuern so, und deshalb hat jeder seine „Favoriten“, für die sie zuständig sind. Da sind sie die Betreuer. Für diese Kinder rennt man einen Ticken weiter als man muss. Dadurch ist die Liebe etwas legitimer.

Der Alkohol und die Drogen geben die benötigte Wärme. Das kostet aber eine Menge. Also verkauft man etwas, um genügend Geld zu haben. Bestenfalls verkauft man Dinge, die einem nicht gehören, wird erwischt und kommt für ein paar Tage ins Gefängnis, um da zu bemerken, dass es gar nicht so toll ist da, und dass man das in Zukunft doch anders machen möchte, auch wenn es schwierig ist, der Weg da hin. Das ist der beste Fall. Der schlechteste Fall ist, dass man den Krempel, den man klaut, auch behält, die Sozialstunden leistet, und den Körper verkauft. Das gibt auch die nötige Motivation, sich komplett zuzudröhnen. Irgendwann kommt man dann von einer „Party“ frühmorgens zurück, komplett seltsam und breit und betrunken, und weiss nichts mehr von der Party. Es stellt sich heraus, dass am Knöchel Einstichstellen sind. Da ich weiss, dass diese Person Heroin nicht (mehr) anrührt, weil ihr als Kind mal richtig übel davon wurde, kann ich nur vermuten, was da lief. Da wir unsere Kiddies nicht einsperren dürfen, weil wir kein Gefängnis sind, hoffen wir jeden Abend erneut, dass unsere Kiddies die Nacht überleben, und nichts allzu wertvolles Klauen, so dass sie bei einem netten Richter mit ein paar Sozialstunden davonkommen.

Doch was, wenn diese Kinder Liebe erfahren hätten? Ich bin überzeugt, dann hätten wir diese „wärmende“ Drogenproblematik nicht.

Langer Rede, kurzer Sinn:

Liebt Eure Blagen, auch wenn sie Euch jetzt gerade komplett nerven. Irgendwann kommt das zurück. Säuft nicht, kifft nicht, nehmt keine Drogen, wenn ihr schwanger seid, Eure Embryonen und Föten haben keine Leber, die können das nicht verarbeiten, und Alkohol ist ein Nervengift, will heissen, das zukünftige Gehirn nimmt sehr viel Schaden. Überlegt Euch, wenn ihr ein Kind adoptiert, oder in Pflege nehmt, ob ihr den zukünftigen beziehungstraumatisierten Teenager auch wirklich lieben könnt, mit Eurem ganzen Herzen, oder ob ihr ihn „abschiebt“ in ein Heim, „weil es einfach nicht mehr geht“.

 

 

Dezember 1 2022

Der Baum

Es ist wieder soweit. Weihnachten wirft seine langen Schatten voraus. Der Tag, an dem folgendes mehr oder weniger passierte (ich fabuliere manchmal was weg oder dazu), ist noch im November. Meine Tage auf Arbeit sind nicht sonderlich stressig, wir räumen um, auf und weg, daher habe ich auch 4 Ikea-grosse Tüten mit Weihnachtsschmuck im Keller gefunden. Ich arbeite in der Jugendhilfe. Gut 50% der Jugendlichen sind minderjährige Jugendliche aus verschiedenen Teilen Asiens und Afrikas, grösstenteils muslimisch. Sie sind allesamt sehr höflich, sehr hilfsbereit, sehr nett und aufmerksam. Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, schmälert mein Ansehen nicht, im Gegenteil. Ich bin die Hausmutti. Die anderen 50% sind Jugendliche, die das Pech hatten, bei Eltern zur Welt zu kommen, die ihr Kind nicht lieben konnten. Sie wurden weggegeben, wuchsen auf der Strasse auf, manchmal mit, manchmal ohne Eltern, wuchsen irgendwie bei den Eltern auf…alles in Eurer Nachbarschaft. Irgendwann merkte das Jugendamt, das was nicht stimmt, und dann kommen sie zu uns. Diese Kinder sind in einem CDU-regierten Deutschland aufgewachsen, wissen zumindest in der Theorie, was Weihnachten bedeutet. Das die Vorgeschichte und Erklärung zu der Geschichte. Diese Kinder sind zwischen 17 und 21 Jahre alt, die Verlängerung bis 21 sollte helfen, die Schule zu beenden und eine Ausbildung zu machen.

Gestern ging ich wieder mal arbeiten, (auch ich hab mal Wochenende) und dann stand da „seit gestern“ eine 3,5 Meter grosse Nordmanntanne in unserem Esssaal. Die Spitze war etwas umgeknickt, und sie lehnte in der Ecke. Der Fuss, der für Weihnachtsbäume vorgesehen ist, stand klein und unbedeutend neben der Tanne. Meine beiden Kolleginnen, beide sehr engagiert, wollten „mit den Kindern“ den Baum schmücken, und sie hätten doch viel zu wenig Schmuck..sie waren so aufgeregt über diese grosse, tolle, wunderbare Aufgabe, dass ich mich erinnert fühlte an meine eigenen Weihnachten, die ich erleben durfte. Ich war etwas überrascht. Immerhin sind diese Frauen erwachsen. Und, „Kinder“! Ja, es sind Kinder, aber sie sind nicht mehr kindlich. Ich ging in den Keller und suchte den Schmuck zusammen. 4 Tüten!! Ich ging in das Esszimmer mit dem Schmuck und sah unsere Nichteuropäischen Jungs, wie sie WM guckten. Sie betrachteten mich, wie ich den Schmuck ablud, und, je nach Temperament, begannen sie zu fragen oder zu kichern. Nun, bei Licht betrachtet, ist dieses Tannenbaummonstrum ziemlich absurd. Und 3,5 Meter für unseren Raum definitiv zu gross – wenn man auch noch bedenkt, dass jeder von ihnen genau ein Geschenk bekommt, im Wert von 20 Euro (das sind dann ungefähr 15 Geschenke). Mir wurde in verschiedenen Sprachen angeboten, eine Säge zu suchen, zu holen, den Baum kleiner zu machen. Niemand kam auf die Idee, Glitterkram befestigen zu wollen. Ich schlug ihnen Vor, mit den Kolleginnen Glitterkram dranzuhängen und Kunstschnee draufzukleben. Die religöseren dankten, und zogen sich zurück. Die weniger Religiösen wollten dann doch lieber WM gucken. Ich suchte meine Kolleginnen, deren Aufmerksamkeit sich zwischenzeitlich auf einer bürokratischen Tätigkeit verkrustete. Ich wartete. Und wartete. Irgendwann sagte mir die superreligiöse, superchristliche Kollegin, ich würde nicht den richtigen Geist, die richtige Atmosphäre verstrahlen, und sie bräuchte schöne Weihnachtsmusik. Ich entgegnete, dass noch November sei. Und dass ich speziell poppige Weihnachtslieder, wie sie zum Beispiel Wham! produzierte, hasse. Dazu singe ich Last Chrismas sehr schnell mit irre drehenden Augen und wippendem Kopf. Man betrachtete mich ungläubig. In meinem Fleische wohnt definitiv nichts Gutes, das war in dem Moment auch sofort allen Anwesenden klar. Hab ich dann auch gesagt. Dieses Pauluszitat wurde nicht erkannt. Wieder ein Witz in die Binsen.
Die beiden amüsierten sich dann weiter mit der Bürokratie (wieviel Ferien steht jemandem zu, der innerhalb der Probezeit Ferien nehmen muss, weil die Tage sonst verfallen und kann man grad für das ganze Jahr Ferien nehmen?). Der Schmuck liegt beim Baum, auf dem Tisch. Die Kinder wissen nicht, was das soll.
Die Kinder die geliebt werden, von Müttern, die nicht wollen, dass die Taliban sie zu Mördern macht, sind keine Christen, und, btw. Kabul zum Beispiel, liegt oberhalb der Baumgrenze. In Afrika wachsen keine Nordmanntannen.
Die Deutschen, die Wissen, dass man was bekommen sollte, bekommen nichts von ihren Eltern.
Und ich, ich bin nicht in der richtigen Stimmung zum Baumschmücken, mit oder ohne Weihnachtspop.

Oktober 27 2022

Risiken und Nebenwirkungen

Kiffen geht jetzt bald, habe ich gehört. Es hängt noch n komplizierten Rattenschwanz dran, 20 Gramm, aber nur, wer erwachsen ist, undsoweiter.

Ich oute mich mal als Nichtkiffer, beziehungsweise hab mal probiert, aber irgendwie hats nicht wirklich gewirkt. Ich kam ins plaudern, aber das kann ich auch so. Fand ich insgesamt total enttäuschend. Ich oute mich auch als jemand, der das Gehirn als Wunderwerk der Natur betrachtet, und jeden der das nicht als das würdigen kann, was es ist, nämlich als ein Geniestreich der Evolution…nun, ich beäuge diese Personen zumindest misstrauisch.

Es gibt eine Reihe von Papers, welche die Harmlosigkeit von Haschisch belegen kann, Quellen dazu gibts in jedem Kifferforum, das etwas auf sich hält. Es gibt eine Reihe von Papers, welche die Schädlichkeit von Cannabis belegen kann, auch die kann man finden, wenn man möchte.

Ich kann in meinem digitalen sozialen Netzwerk mit grossen Augen von meinem letzten klinischen Erlebnis mit Drogenpsychosen berichten. Aber man wird mich 100%-ig aufklären, dass ich irre, und vermutlich war es schlechtes Gras, und die Person hat das nicht vertragen, und, und, und. Und vermutlich war noch etwas Kokain und MDMA im Patienten drin, und dann weiss man eh nicht, was jetzt genau die Psychose ausgelöst hat, ja vermutlich etwas anderes, Hanf ist ja „sanft“. Alkohol ist sowieso schlimmer, was ja auch stimmt.

„Man“ weiss, Hanf hilft. Hanf ist vermutlich das Kraut, das gegen alles gewachsen ist.

Hanf hilft bei Krebs. Stimmt, und Eibe hilft auch, Eibe hilft vermutlich sogar stärker. Trotzdem nehme ich kein Eibengift zu mir, es sei denn, ich hätte tatsächlich Krebs. Ich stehe auf Weidenrinde bei Kopfschmerzen. Aber dazu warte ich, bis ich Kopfschmerzen habe. Ist der Schmerz derber, zum Beispiel bei einem gequetschten Brustwirbel, dann helfen auch der Saft des Schlafmohns. Ganz geil kommt das dann auch in Kombination mit Pink Floyds „Shine on you Crazy Diamond Part I-V“. Man vergisst, dass man überhaupt einen Rücken hat. Solche Dinge nehme ich nur gegen ärztliches Rezept, von der Versicherung bezahlt.

Ihr ahnt, worauf ich hinaus will: Ich finde, man sollte diese Pflanze nicht nur als Rauschmittel betrachten, sondern als ein Heilmittel, wenn man es auch tatsächlich braucht. Wie die Eibe, der Fingerhut und der Schlafmohn. Aber ich weiss auch, dass es hoffnungslos ist, gegen den Konsum von so lockenden und süchtigmachenden Stoffen anzuschreiben.

Also werde ich damit Geld verdienen. Ich mache ein Formular, anwendbar für alle Kliniken in Deutschland.

Fixierung-für-Dummies-und-Psychonauten(1)

 

Fixierungen, so sieht es der Gesetzgeber vor, sind das letzte Mittel. Sie sind auch in Kliniken unbeliebt und belastend für diejenigen, die sie ausführen müssen. In der Regel wird man vor der Fixierung vom (halluzinierenden, psychotischen) Patienten als Faschist beschimpft und angespukt, geschlagen, gekratzt, getreten, beleidigt. Fixierte dürfen, so will es der Gesetzgeber weiter, nicht alleine sein, zu ihrer eigenen Sicherheit. Also lässt man die Studenten bei den Fixierten (Studenten, so der Grundtenor, finden das interessanter als die FSJ-ler). Es geht oft sehr schnell, bis der Patient herausfindet, dass der Student ihm jetzt den Schwanz anfassen könnte, oder ähnlich geile Spielchen. Die psychotischen Mädels schreien oft und mal rum, dass man sie vergwaltigen wird. Die Angst ist echt. Es sind Horrortrips, für alle Beteiligten.

Oft bekommen sie auch antipsychotische Medikation, das hilft dann auch beim Einschlafen, und/oder krasse, ganz und gar unsanfte Benzodiazepine, die helfen beim runterkommen und ruhig werden. Dagegen kann und darf man sich auch wehren. Patienten vergessen jedoch leider gerne, dass Ärzte grundsätzlich Menschen gerne haben und ihnen auch helfen wollen.

Ich glaube den psychotischen Patienten gerne, das es ihnen nach dem erwachen furchtbar peinlich ist, was sie da alles gesagt hatten. Mich ärgert nur, dass sie immer und immer wieder experimentieren. Reale Gefahren der Giftstoffe abschwächen, und relativieren. Ärzte, Psychologen und Krankenhauspersonal als bestenfalls altmodisch und konservativ, im schlechtesten Fall als faschistoid abstempeln. Wobei das Krankenhauspersonal noch den „Arbeiterschutz“ und Applaus geniessen kann, bei den geneigten Psychonauten.

Merkt man, das mich die Diskussion angkotzt? Zerstört Euer Gehirn, macht nur. Wir machen dann zusammen Übungen. Ich werktags bis um 17:00 Uhr, ihr immer wieder, aufs Neue. Neuronale Trampelpfade knüpfen, falls es doch noch irgendwelche Gedanken hat, die von A nach B huschen wollen, damit sie auf einzelnen Hängebrücken über den Wasserpfützen des zerstörten Gehirns doch noch Wege finden, am Ziel anzukommen.

Wer sich eine Demenz ankifft, naja, der hat dann eine Demenz. Auch das bedeutet Psychosen, aber dann aus anderen Gründen. Inhibitorische Zellen, solche, die (auch unangenehmes) Unterdrücken, werden abgebaut. Also können Angstzustände, die in Euch aufkommen, nicht mehr unterdrückt werden. Ihr werdet psychotisch. Natürlich gibt es auch da Medikamente. Aber die Lebenserwartung ist nicht mehr so doll, und die Lebensqualität ist scheisse. Ihr beginnt Euch an längst vergangene Horrortrips zu erinnern, weil die inhibitorischen Zellen weg sind. Deshalb , so heisst es auch, herrscht in deutschen Altenheimen Krieg. Zum Glück (für die Betroffenen Patienten) sind viele tatsächlich so alt, dass sie mittlererweile endlich sterben konnten. Ich hab schon furchtbare Szenen gesehen, weil der Patient nicht mehr unterdrücken konnte.

Ich schweife ab…geniesst Euer Gras, wie ein Glas Wein, am Geburtstag. Wenn es denn sein muss.

 

 

September 10 2022

Krieg, in der Ukraine und anderswo, und wie in den sozialen Medien damit umgegangen wird, oder ist Pazifismus nur ein Auslaufmodell für Idealisten?

Bomben, Panzer, Hardware. Luftschlacht, Infanterie. Töten, töten, schlachten, killen, metzeln, rückerobern, vergelten. Russen! Ha, klar, wieder mal die Russen. Zum Glück ist wenigstens auf die Russen Verlass, das sie wiedereinmal die richtig Bösen sind. Achgut, sind alle Russen gleich, und keiner dieser Russen findet den Angriffskrieg gegen die Ukrainer scheisse! Achgut, können wir aufhören zu denken, auchgut, wie ist das einfach! Achgut, muss man ab sofort nicht mehr differenzieren. Lass uns die Meinung der Lieblingszeitung, egal welche, ungefragt übernehmen!

Nein, ich habe keine Lösung. Nein, ich will natürlich auch, dass niemand angegriffen wird. Ja, ich würde, ehe ihr dämlich fragt, auf jeden schiessen, der mich oder meine Liebsten angreifen würde. Aber diese Frage ist sooooowas von Gesinnungsprüfung im Kalten Krieg.
Hört Ihr Euch? Ihr fordert Panzer. Ihr fordert Waffen. Natürlich zur Selbstverteidigung, nicht zum Angriff. Und Ihr vergesst alle NIE WIEDER! Nie wieder Krieg! Nie wieder Genozid! Ich ahne schon, wie ihr waffenlieferung-befürwortende Leute in Schockstarre verfallen werdet, wenn die Opfer Eurer Waffenliefungen in Den Haag beschreiben, was mit deutschen (und schweizer, und italienischen, und französischen, und, und und) Waffen angerichtet wurde. Das ahntet ihr ja nicht! Wenn ihr das gewusst hättet!!! Wenn die Wissenschaftler Gutachten vorlegen, über Massengräber, die Leichen, die Folter, die Narben, sichtbar und unsichtbar. Sie alle werden auftauchen, früher oder später. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen.

Woher nehme ich diese Gewissheit? Könnt Ihr Waffenlieferungsbefürworter Euch an den Konflikt von Ex-Jugoslawien erinnern? Die Berichte der Frauen eines Dorfes, die aufs grausamste vergewaltigt und misshandelt wurden; die Uniformen ihrer Peiniger waren serbisch, die Vergewaltiger jedoch kroatisch. Später stellte sich dann heraus, dass alle auf die selbe Idee (falsche Uniform, dann Kriegsverbrechen) gekommen sind. Nicht nur die Serben, obwohl wir uns für die Serben als „böse“ entschieden hatten. Das scheint offenbar menschlich zu sein.  Ihr seid (teilweise) richtig alte Knacker, wie ich ja auch. Ehemalige Hippies, die den Ruf nach Waffen befürworten. Wo ist Eurer Mut zum Frieden, zum Pazifismus? Ich bin sowas von angepisst von Euch. Der TV-Krieg mit den brennenden irakischen Ölquellen? Ich bin sicher, da sind auch brennende Menschen gefilmt worden. Aber die hat man vermutlich rausgeschnitten,  zu viel Brutalität, zu unsauber, nicht medienwirksam.  Schreie hat man nie gehört, wegen von zu hoch gefilmt, außerdem die Flugzeugtriebwerke.

Ohhh, ihr verurteilt „aufs Schärfste“ der Bau eines Fussballstadions in einem ölliefernden sogenannten Schurkenstaat. Und dann guckt ihr auf ein Bierchen „einzelne Spiele“ in eurer Kneipe. Ich bin ein Spiesser, geb ich gerne zu, von mir aus auch ein linker Spiesser, aber ich bin niemals dieser Tartüff, der Ihr seid. Ihr fordert Panzer, ihr fordert Material. Für die Schlacht. Ja, dann geht doch, stellt Euren Luxuskörper der Schlacht zur Verfügung. Alle waffenfähigen Menschen werden gebraucht. Wenn ihr also nicht in die Schlacht ziehen wollt, warum wollt ihr dann Waffen liefern? Zur Abschreckung? Ihr Narren! Ihr kriegsgeilen Narren! Versucht doch erstmal rauszufinden, ob ihr 1) wisst, was Krieg bedeutet – nicht akademisch, sondern persönlich! und 2) bereit für den eigenen Krieg seid – wenn ja, fahrt in die Ukraine, und tötet,  und mehrt mit jeder Leiche, die ihr produziert, Trauer, Wut, Hass, Trauma. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann arbeitet an einem Frieden, den alle akzeptieren können. Man spricht da wohl auch von einer politischen Lösung. Was wir aktuell gerade tun, wird wohl als „Stellvertreterkrieg“ in die Geschichtsbücher eingehen. Und dann? Dann muss ich der Teil sein, der Verantwortung für Eure Kriegsgeilheit übernehmen muss, weil ich das offenbar duldete! „Oma, sag mal, warum hast du damals nichts gegen diese kriegsgeilen Spinner getan? Warum hast Du nicht versucht, mit denen zu Reden, sie zur Besinnung zu bringen?“ Darauf hab ich keinen Bock. Ihr dürft gerne beleidigt sein, wenn ihr Euch an das Bein gepisst fühlt. Ich fühle mich jedesmal persönlich beleidigt, angegriffen, angemacht, in meiner Würde als fühlender und denkender Mensch, wenn wieder Kriegspropoganda über den Stream rauscht. Das musste jetzt einfach mal gesagt sein. Ich ende jetzt meine Schimpftirade mit Terrorgruppe:  Und am Ende sind alle wieder am weinen, und keiner wills gewesen sein!

Katgeorie:Gekotztes, sauer aufgestossen | Kommentare deaktiviert für Krieg, in der Ukraine und anderswo, und wie in den sozialen Medien damit umgegangen wird, oder ist Pazifismus nur ein Auslaufmodell für Idealisten?
Juli 12 2021

Ach Omi, oj, Grossmami, ich dachte so an Euch….

Wir ziehen ja weg; und deswegen hat mich mein Göttergatte gebeten, gestern abend doch ein letztes Mal sein meditatives Yoga mitzukommen…nicht 08/15 Yoga, sondern eher sone Meditation mit spontanen Bewegungen..wie auch immer, ich sagte zu. Ich kannte die Frau und wollte ihr noch Tschüss sagen. Ich nehme mir jedesmal vor, dass ich sie eigentlich mag. Und man kann ja nicht immer Hause sitzen, hin und wieder sollte man den Arsch hochkriegen, dachte ich mir dabei. Wir fuhren da hin. Mein Göttergatte schien regelrecht happy, dass ich dabei war.
Sie liess uns herein. Sie belagerte meinen Süssen, er solle ihr doch ihr Flugticket ausdrucken, sie könne das doch nicht. Er wand sich heraus. Sie sei noch niemals alleine geflogen. Ich fand, sie klang wie ich.

Wer mich kennt, sollte spätestens jetzt wissen: SOS.

Einer meiner ekelhaftesten Eigenschaften ist: ich kann sehr eifersüchtig sein, auf richtig arg blöden Scheiss. Daher tanzte unsere Gastgeberin also definitv auf einem Vulkan. Daher beschreibe ich Euch meine „Konkurrentin“ mal: sie ist definitv älter als ich. Sie hat wolkiges, langes Haar, der Haaransatz auf etwa 2 Zentimeter grau und ungefärbt, der Rest ist auf ein unattraktives aschblond eingefärbt. Sie ist klein, rund und alles an ihr scheint noch nicht ganz fertig gebastelt. Die Klamotten, die Haare, das ständig tränende Auge. Das Wort „verlebt“ drängt sich auf. Ihr Verhalten ähnelte dem eines Hundewelpen, der zum ersten Mal alleine gelassen wurde: wedeln, n bisschen vor Freude auf den Boden pinkeln, unsicher sein, aber die Freude war halt einfach zu gross. Sie linste mich an, drückte mir eine Gebrauchsanweisung für Farbe, die man in der Waschmaschine färbt, in die Hand, und regte sich auf, dass es nicht richtig geklappt hatte beim Klamotten färben, und dass sie denen telefoniert und ihnen aber richtig die Meinung geigt, und diese Öffnung sehr unlogisch sei. Dann befahl sie den restlichen Männern, die eingetroffen und hereingelassen wurden, was sie wohin schleppen sollen.

Beim Einturnen sagte sie zu ihm: „willst Du? mach doch Du, wir kennen uns doch schon so lange“ und ein Augenzwinkern, der Blick dazu ein schmachtender. Der sehr gebildete Koch mit Migrationshintergrund, der nur englisch sprach, sah mich von der Seite an. Nun, es ging dann so weiter….Yoga mit Improtheatereinfluss. Ich turnte einen Gartenzaun. Dies, um Kontakt mit den Elementen aufzunehmen. Mein innerer DJ lässt die Zeilen „Ist das wirklich wirklich?“ und „Warum bin ich hier?“ von den Bottrops auf endlos laufen. In der Pause lispelt sie mit diy-englisch den Koch an, der dann prompt von seinem „partner“ erzählt. Das th lispelt sie konsequent. Und sie lobt den Koch, dass er ganz toll englisch spricht. Der Koch lächelt. Ich schäme mich fremd.

Und plötzlich hatte ich diese Erinnerung vor Augen:

Wir besuchten die Oma des Göttergatten in Bad Kissingen. Diese Oma war ganz aufgeregt, denn bei der guten Partie des Altenheims (ein Tierarzt!) war (endlich) die Ehefrau gestorben. Er war Witwer und damit frei! Er hatte ein eigenes Appartemeng!  Ein Gutes! Der gesamte Hühnerstall legte Make-up auf, roch nach Rosen und machte unpassende, zotige Witze.

Oder bei meiner Oma. Als der Dorfmillionär einzog in das Altenheim. Da war auch sone Aufregung. Meine Oma hat das beobachtet – sie hätte erst die Bücher des „Millionärs“ geprüft, ob er auch wirklich Millionär ist, und zwar ohne die „“ und wie sauber das Geld ist und ob sich der Aufwand lohnt. Das hätte vermutlich gedauert, aber sie hatte auch nie ein Händchen für Männer, aber für Buchhaltungen war sie Profi.

Wie auch immer, und sowas pudriges, verlebtes lag jetzt meinem Göttergatten zu Füssen. Zog sich vor seinen Augen um, ganz natürlich, nicht falsch verstehen.

Irgendwann ist es vorbei. Die Männer ziehen ihre Schuhe an. Mein Göttergatte sitzt auf einem umfunktionierten Tisch, den sie sofort zu putzen beginnt. Sie putzt ihn mit dem Lappen an Göttergattes kackigem Po. Er bemerkt es nicht. Der Koch studiert mein Mimik. Ich verdrehe die Augen und mache eine wegwerfende Geste-das geht schneller, als beabsichtigt. Unter dem Gesicht hinter dem Bart verteilt sich ein lautloses Lachen.

Und ich weiss jetzt, dass das echt nicht so mein Ding ist, und dass ich sie vermutlich trotzdem nicht so mag. Egal wie ich mir das jedesmal vornehme.

 

 

April 29 2021

Meine schlimmste Reise

Ich hab Euch noch gar nicht von meinem Flug in die Schweiz erzählt:
Ich dachte immer, meine persönliche “schlimmste Reise” sei meine Flix-Bus-Reise mit dem siegestrunkenen, betrunkenen, grölenden radikalen Flügel von Hansa Rostock von Leipzig nach Berlin gewesen. Ich konnte mich steigern.
Meine schlimmste Reise war mein Swiss-Flug von Berlin nach Zürich. Nicht wegen des Wetters, oder weil Flugzeugteile abgefallen wären oder weil Kellerasseln im Sitz gebrütet haben…neee. War alles schön kuschlig. Hab sogar n Keks bekommen, gegen Ende des Fluges.
Zu Beginn des Fluges habe ich jedoch n Sitznachbar bekommen. Der kam nicht alleine. Der kam mit einer Gruppe junger Männer. Diese jungen Männer und mein Sitznachbar, der übrigens etwas älter war als ich, kamen von einem Skisportclub. Dieser Skisportclub kam aus einem berühmten schweizer Kurort in den Alpen. Und den gibts schon ganz lange. Das hat man an den Hoodies gesehen, die sie trugen, und an denen man sehen konnte, dass wir aus dem selben Land kommen. Noch vor dem Start begann ich mich fremdzuschämen. Jeder Sportclub, den ich kenne, hat einen kleinen, etwas stämmigen Hausabwart, der die Schlüssel für alle und alles hat, der im Falle des Skisportclubs weiss, wo der Wachs ist und wo die Ersatzskistöcke sind und der die Übersocken zusammenknotet. Der vor dem Kinderskirennen den Rumipunsch (ohne Alkohol) und den KafiSchnaps vorbereitet. Der Schneefräst. Und aus irgendwelchen Gründen hat er immer einen stark gelockten Bart,etwas zerzaust ungepflegt und eine Zipfelmütze, ein vom Wind rotes Gesicht, und grobe Haut an den Wangen – ich vermutete in diesem Zusammenhang immer die Kälte. So ein Exemplar sass also neben mir. Er kommentierte jeden Fluggast. Da wir eher hinten sassen, mussten wir als erste Einsteigen, kurz nach der Business Class. Er kommentierte die Intelligenz der männlichen Mitreisenden “Blöd – blöder!” und kommentierte die Frauen. Entweder sie gefielen ihm “darf i au mal da anälange duhübschi hahahahahah” oder nicht “du, wänn i so en arsch hätti, müessti en zueschlag zahle hahahahah, aber wiiber mönd ja nië, das ghkunnt von dere emanzipatiooon hahahahah” und und beleidigte die etwas ältere Stewardesse, die vermutlich Vorfahren aus Umgebung Indien hatte. “Jetz darfsch kha Schlëierme!” (Jetzt darfst Du keinen Schleier mehr tragen). Und dann, als ihm echt nichts mehr in den Sinn kam, was erstaunlich lange ging, stand er auf, und begann in einem Rucksack zu wühlen, der irgendwie befremdlich nach Wandern roch. Dann fand er darin eine Schrippe, die mit Salami belegt war. Die mampfte er auf. Die Zähne gelb, der Kiefer mahlten und stampfte. Ich starrte ihn an. Ich vermute ja, dass ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Er schluckte. Er stand auf. Begann zu wühlen. Fand noch eine Schrippe. Mnommnommnom. Die Maske im Bart, begann er dann, mit vollem Mund zu kommentieren, wie blöde diese Masken doch sind. Ich beschloss, eine Deutsche zu sein und im Falle einer Dämlichkeit seinerseits, die mich betreffen sollte, einfach nichts zu verstehen. Sein hochalpiner Singsang war sowieso nur in der Wintersaison ertragbar.
Nach anderthalb Stunden drängelten die Zipfelmützen als erste durchs Ziel.

Januar 31 2021

Gedanken zur Abstimmung in der Schweiz im März 2021

Was ich mir überlege, sind unangenehme Gedanken zum Thema Schweiz und Faschismus.

Als Kind war ich immer sehr stolz, dass mein Land sich nicht an dem Morden beteiligt hatte; auch dass es uns nicht so erging wie den Franzosen und den Engländern. Ich hörte mit offenem Mund den Geschichten meiner Oma zu, die einen Stiefbruder hatte, der „Fröntler“ war und sie als Jüdin regelmässig bedrohte. Woraus dann ja dem Himmel sei dank nix wurde. Gelegentlich war mein Vater im Militär, dann war er ne Woche nicht da und am Wochenende gabs dann Geschichten.

Auch wenn ich in den 80ern heranwuchs, in den Gasthäusern hatte es immer wieder Bilder von General Guisan, wie er nachdenklich und ernst in die Gaststube guckte. Es war immer dasselbe Bild. Es lag auch in meiner Schule, da allerdings erst im Lehrerzimmer, dann auf dem Dachboden. Aber wegwerfen, das machte man nicht. Nicht General Guisan!

Er alleine war das. Er hat uns von dem Bösen, das da uns bedrohte, beschützt. So wurde uns gesagt. Und wir waren stolz, nicht diese furchtbare Schuld auf uns genommen zu haben.

Was leider so stimmt. Der damalige Bundesrat, Giuseppe Motta, traf sich mit Benito Mussolini, privat. Die Absprachen, die sie getroffen hatten, sie heute noch schwer zu rechererchieren. Bundesrat Schulthess hatte von Hitler die Versicherung bekommen, die Schweiz nicht anzugreifen. Ich wage mir nicht vorzustellen, was diesem Versprechen für ein fauler Kuhhandel vorausging.

Langer Rede, kurzer Sinn: Irgendwie hat die Schweiz ihre Rolle im 2. WK nicht aufgearbeitet. Das richtig viel Schweizer Geld in den Russlandfeldzug eingeflossen ist, wurde mir in der Schule nie erzählt oder das der Judenstempel eine Schweizer Erfindung ist. Was ich damit sagen möchte ist nicht, das wir alle böse waren. Ich will damit sagen: Seid nicht so verdammt selbstzufrieden!

Einfachheitshalber habe ich hier einen kurzen Text aus dem EDA (eidgenössisches Departement des Äusseren) fotografiert:

Ach hier wieder etwas, worauf wir stolz sein können. Das macht eine Zivilistation aus, die den Namen verdient- doch moment- was sind die wichtigsten UNO-Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte? Die sind hier nachzulesen.

Da steht auch das da:

Wie können wir uns dann die Abstimmungsunterlagen erklären?

 

DE_volksabstimmung

Spreche ich in der Schweiz wohnhafte Freunde und Bekannte an, erklären mir viele, dass es sich um einen Befreiungsschlag für unterdrückte muslimische Frauen handelt. Diesen Frauen wird jetzt untersagt, ihr Gesicht komplett zu verhüllen. Ich frage mich ehrlich, ob das mit den Grundfreiheiten vereinbar ist.

Denn, ihr grossen Denker:innen für die Rechte der Frau, seid ihr schon mal auf den Gedanken gekommen, das es Frauen gibt, die das tun möchten? Die es für emanzipiert halten, zu ihrem Glauben zu stehen, als Frau. Und zwar genau so dolle, wie sie selbst das wollen. Gibt es. Genau diese Frauen werden jetzt durch ein Gesetz von ihrem Grundrecht abgehalten, so zu sein, wie sie wollen, denn die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten ist durch dieses Gesetz nicht mehr gegeben.

Ausserdem betrifft das neue Gesetz dann tatsächlich 20-30 Frauen, die sich gerne verhüllen möchten. Maximal 30! Für alle anderen gibts Ausnahmen für Touristinnen.

Zusammenfassend (aber ich bin keine Juristin) ist dieses Gesetz einfach nur illegal, nicht durchführbar und unendlich peinlich. Wenn ihr stolz seid, keine blutige faschistische Geschichte zu haben, dann seid selbst nicht faschistisch. Ein haltloser Vorwurf?

Hier ein Plakat der Nazis, angeblich aus dem Stürmer, das Datum habe ich leider nicht gefunden. Antisemitisch, voller Gewalt und einfach nur widerlich.

Die SVP hat ein ähnliches Plakat zur Linken der Schweiz machen lassen. Kann man recherchieren, wenn man das möchte, will ich nicht verlinken. Die SVP hat den Judenhass jedoch ersetzt. Heute sind Muslime die Bösen.

 

Das „böse“ und Muslime irgendwie zusammengehört, sieht man an dem Molli-Werfenden neben der Verhüllten. Im Initiativtext steht dann auch, dass es darum geht, sich nicht zu verhüllen, denn wer sich verhüllt, der hat möglicherweise eine Gewalttat im Sinn. Zum Beispiel Demonstranten (erkennbar am Molli). Oder eben die Frauen, die sich verhüllen müssen, denn sonst, so die Logik, wird ihnen Gewalt angetan. Und schon sind relativ vernünftige Menschen schockiert, schalten ihr Gehirn aus und wollen nur den armen Frauen helfen. Die Ästhetik – der Mann aktiv mit Molli, die Frau, passiv, daneben.

Nun, die SVP ist nicht irgendeine kleine Splitterpartei. Sie gehört zu den mächtigsten Parteien der Schweiz. Sie ist populistisch und undemokratisch. Offenbar trifft sie einen Nerv. Sie wirbt mit „Tradition“, „Heimat“, „Heimatliebe“ „Patriotismus“ für Hass und Ausgrenzung und ein Gesetz, das nicht mit den Menschenrechten vereinbar ist. Die SVP kuschelt mit Neonazis, namentlich die PNOS (Partei National Orientierter Schweizer). Um diese schwere Behauptung zu untermauern, habe ich Euch einen Vergleich, gefunden auf indymedia – das Parteiprogramm der PNOS verglichen mit dem Parteiprogramm der NSDAP.

Ich liebe die Schweiz. Trotzdem kann ich da nicht mehr leben, weil ich mich nicht mehr wohlfühle. Ich schäme mich für meine Heimatliebe. Weil die Heimatliebe nicht mehr teilen kann, sondern wegen Leuten wie der SVP ausgrenzt. Was ist nur passiert? Wo ist die Neutralität geblieben, die General Guisan verteidigt hatte? Warum wird der Hüter der Beizen und Klassenzimmer so sträflich von „guten“ Schweizern verraten?