Juli 12 2021

Ach Omi, oj, Grossmami, ich dachte so an Euch….

Wir ziehen ja weg; und deswegen hat mich mein Göttergatte gebeten, gestern abend doch ein letztes Mal sein meditatives Yoga mitzukommen…nicht 08/15 Yoga, sondern eher sone Meditation mit spontanen Bewegungen..wie auch immer, ich sagte zu. Ich kannte die Frau und wollte ihr noch Tschüss sagen. Ich nehme mir jedesmal vor, dass ich sie eigentlich mag. Und man kann ja nicht immer Hause sitzen, hin und wieder sollte man den Arsch hochkriegen, dachte ich mir dabei. Wir fuhren da hin. Mein Göttergatte schien regelrecht happy, dass ich dabei war.
Sie liess uns herein. Sie belagerte meinen Süssen, er solle ihr doch ihr Flugticket ausdrucken, sie könne das doch nicht. Er wand sich heraus. Sie sei noch niemals alleine geflogen. Ich fand, sie klang wie ich.

Wer mich kennt, sollte spätestens jetzt wissen: SOS.

Einer meiner ekelhaftesten Eigenschaften ist: ich kann sehr eifersüchtig sein, auf richtig arg blöden Scheiss. Daher tanzte unsere Gastgeberin also definitv auf einem Vulkan. Daher beschreibe ich Euch meine „Konkurrentin“ mal: sie ist definitv älter als ich. Sie hat wolkiges, langes Haar, der Haaransatz auf etwa 2 Zentimeter grau und ungefärbt, der Rest ist auf ein unattraktives aschblond eingefärbt. Sie ist klein, rund und alles an ihr scheint noch nicht ganz fertig gebastelt. Die Klamotten, die Haare, das ständig tränende Auge. Das Wort „verlebt“ drängt sich auf. Ihr Verhalten ähnelte dem eines Hundewelpen, der zum ersten Mal alleine gelassen wurde: wedeln, n bisschen vor Freude auf den Boden pinkeln, unsicher sein, aber die Freude war halt einfach zu gross. Sie linste mich an, drückte mir eine Gebrauchsanweisung für Farbe, die man in der Waschmaschine färbt, in die Hand, und regte sich auf, dass es nicht richtig geklappt hatte beim Klamotten färben, und dass sie denen telefoniert und ihnen aber richtig die Meinung geigt, und diese Öffnung sehr unlogisch sei. Dann befahl sie den restlichen Männern, die eingetroffen und hereingelassen wurden, was sie wohin schleppen sollen.

Beim Einturnen sagte sie zu ihm: „willst Du? mach doch Du, wir kennen uns doch schon so lange“ und ein Augenzwinkern, der Blick dazu ein schmachtender. Der sehr gebildete Koch mit Migrationshintergrund, der nur englisch sprach, sah mich von der Seite an. Nun, es ging dann so weiter….Yoga mit Improtheatereinfluss. Ich turnte einen Gartenzaun. Dies, um Kontakt mit den Elementen aufzunehmen. Mein innerer DJ lässt die Zeilen „Ist das wirklich wirklich?“ und „Warum bin ich hier?“ von den Bottrops auf endlos laufen. In der Pause lispelt sie mit diy-englisch den Koch an, der dann prompt von seinem „partner“ erzählt. Das th lispelt sie konsequent. Und sie lobt den Koch, dass er ganz toll englisch spricht. Der Koch lächelt. Ich schäme mich fremd.

Und plötzlich hatte ich diese Erinnerung vor Augen:

Wir besuchten die Oma des Göttergatten in Bad Kissingen. Diese Oma war ganz aufgeregt, denn bei der guten Partie des Altenheims (ein Tierarzt!) war (endlich) die Ehefrau gestorben. Er war Witwer und damit frei! Er hatte ein eigenes Appartemeng!  Ein Gutes! Der gesamte Hühnerstall legte Make-up auf, roch nach Rosen und machte unpassende, zotige Witze.

Oder bei meiner Oma. Als der Dorfmillionär einzog in das Altenheim. Da war auch sone Aufregung. Meine Oma hat das beobachtet – sie hätte erst die Bücher des „Millionärs“ geprüft, ob er auch wirklich Millionär ist, und zwar ohne die „“ und wie sauber das Geld ist und ob sich der Aufwand lohnt. Das hätte vermutlich gedauert, aber sie hatte auch nie ein Händchen für Männer, aber für Buchhaltungen war sie Profi.

Wie auch immer, und sowas pudriges, verlebtes lag jetzt meinem Göttergatten zu Füssen. Zog sich vor seinen Augen um, ganz natürlich, nicht falsch verstehen.

Irgendwann ist es vorbei. Die Männer ziehen ihre Schuhe an. Mein Göttergatte sitzt auf einem umfunktionierten Tisch, den sie sofort zu putzen beginnt. Sie putzt ihn mit dem Lappen an Göttergattes kackigem Po. Er bemerkt es nicht. Der Koch studiert mein Mimik. Ich verdrehe die Augen und mache eine wegwerfende Geste-das geht schneller, als beabsichtigt. Unter dem Gesicht hinter dem Bart verteilt sich ein lautloses Lachen.

Und ich weiss jetzt, dass das echt nicht so mein Ding ist, und dass ich sie vermutlich trotzdem nicht so mag. Egal wie ich mir das jedesmal vornehme.

 

 

April 29 2021

Meine schlimmste Reise

Ich hab Euch noch gar nicht von meinem Flug in die Schweiz erzählt:
Ich dachte immer, meine persönliche “schlimmste Reise” sei meine Flix-Bus-Reise mit dem siegestrunkenen, betrunkenen, grölenden radikalen Flügel von Hansa Rostock von Leipzig nach Berlin gewesen. Ich konnte mich steigern.
Meine schlimmste Reise war mein Swiss-Flug von Berlin nach Zürich. Nicht wegen des Wetters, oder weil Flugzeugteile abgefallen wären oder weil Kellerasseln im Sitz gebrütet haben…neee. War alles schön kuschlig. Hab sogar n Keks bekommen, gegen Ende des Fluges.
Zu Beginn des Fluges habe ich jedoch n Sitznachbar bekommen. Der kam nicht alleine. Der kam mit einer Gruppe junger Männer. Diese jungen Männer und mein Sitznachbar, der übrigens etwas älter war als ich, kamen von einem Skisportclub. Dieser Skisportclub kam aus einem berühmten schweizer Kurort in den Alpen. Und den gibts schon ganz lange. Das hat man an den Hoodies gesehen, die sie trugen, und an denen man sehen konnte, dass wir aus dem selben Land kommen. Noch vor dem Start begann ich mich fremdzuschämen. Jeder Sportclub, den ich kenne, hat einen kleinen, etwas stämmigen Hausabwart, der die Schlüssel für alle und alles hat, der im Falle des Skisportclubs weiss, wo der Wachs ist und wo die Ersatzskistöcke sind und der die Übersocken zusammenknotet. Der vor dem Kinderskirennen den Rumipunsch (ohne Alkohol) und den KafiSchnaps vorbereitet. Der Schneefräst. Und aus irgendwelchen Gründen hat er immer einen stark gelockten Bart,etwas zerzaust ungepflegt und eine Zipfelmütze, ein vom Wind rotes Gesicht, und grobe Haut an den Wangen – ich vermutete in diesem Zusammenhang immer die Kälte. So ein Exemplar sass also neben mir. Er kommentierte jeden Fluggast. Da wir eher hinten sassen, mussten wir als erste Einsteigen, kurz nach der Business Class. Er kommentierte die Intelligenz der männlichen Mitreisenden “Blöd – blöder!” und kommentierte die Frauen. Entweder sie gefielen ihm “darf i au mal da anälange duhübschi hahahahahah” oder nicht “du, wänn i so en arsch hätti, müessti en zueschlag zahle hahahahah, aber wiiber mönd ja nië, das ghkunnt von dere emanzipatiooon hahahahah” und und beleidigte die etwas ältere Stewardesse, die vermutlich Vorfahren aus Umgebung Indien hatte. “Jetz darfsch kha Schlëierme!” (Jetzt darfst Du keinen Schleier mehr tragen). Und dann, als ihm echt nichts mehr in den Sinn kam, was erstaunlich lange ging, stand er auf, und begann in einem Rucksack zu wühlen, der irgendwie befremdlich nach Wandern roch. Dann fand er darin eine Schrippe, die mit Salami belegt war. Die mampfte er auf. Die Zähne gelb, der Kiefer mahlten und stampfte. Ich starrte ihn an. Ich vermute ja, dass ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Er schluckte. Er stand auf. Begann zu wühlen. Fand noch eine Schrippe. Mnommnommnom. Die Maske im Bart, begann er dann, mit vollem Mund zu kommentieren, wie blöde diese Masken doch sind. Ich beschloss, eine Deutsche zu sein und im Falle einer Dämlichkeit seinerseits, die mich betreffen sollte, einfach nichts zu verstehen. Sein hochalpiner Singsang war sowieso nur in der Wintersaison ertragbar.
Nach anderthalb Stunden drängelten die Zipfelmützen als erste durchs Ziel.

Januar 31 2021

Gedanken zur Abstimmung in der Schweiz im März 2021

Was ich mir überlege, sind unangenehme Gedanken zum Thema Schweiz und Faschismus.

Als Kind war ich immer sehr stolz, dass mein Land sich nicht an dem Morden beteiligt hatte; auch dass es uns nicht so erging wie den Franzosen und den Engländern. Ich hörte mit offenem Mund den Geschichten meiner Oma zu, die einen Stiefbruder hatte, der „Fröntler“ war und sie als Jüdin regelmässig bedrohte. Woraus dann ja dem Himmel sei dank nix wurde. Gelegentlich war mein Vater im Militär, dann war er ne Woche nicht da und am Wochenende gabs dann Geschichten.

Auch wenn ich in den 80ern heranwuchs, in den Gasthäusern hatte es immer wieder Bilder von General Guisan, wie er nachdenklich und ernst in die Gaststube guckte. Es war immer dasselbe Bild. Es lag auch in meiner Schule, da allerdings erst im Lehrerzimmer, dann auf dem Dachboden. Aber wegwerfen, das machte man nicht. Nicht General Guisan!

Er alleine war das. Er hat uns von dem Bösen, das da uns bedrohte, beschützt. So wurde uns gesagt. Und wir waren stolz, nicht diese furchtbare Schuld auf uns genommen zu haben.

Was leider so stimmt. Der damalige Bundesrat, Giuseppe Motta, traf sich mit Benito Mussolini, privat. Die Absprachen, die sie getroffen hatten, sie heute noch schwer zu rechererchieren. Bundesrat Schulthess hatte von Hitler die Versicherung bekommen, die Schweiz nicht anzugreifen. Ich wage mir nicht vorzustellen, was diesem Versprechen für ein fauler Kuhhandel vorausging.

Langer Rede, kurzer Sinn: Irgendwie hat die Schweiz ihre Rolle im 2. WK nicht aufgearbeitet. Das richtig viel Schweizer Geld in den Russlandfeldzug eingeflossen ist, wurde mir in der Schule nie erzählt oder das der Judenstempel eine Schweizer Erfindung ist. Was ich damit sagen möchte ist nicht, das wir alle böse waren. Ich will damit sagen: Seid nicht so verdammt selbstzufrieden!

Einfachheitshalber habe ich hier einen kurzen Text aus dem EDA (eidgenössisches Departement des Äusseren) fotografiert:

Ach hier wieder etwas, worauf wir stolz sein können. Das macht eine Zivilistation aus, die den Namen verdient- doch moment- was sind die wichtigsten UNO-Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte? Die sind hier nachzulesen.

Da steht auch das da:

Wie können wir uns dann die Abstimmungsunterlagen erklären?

 

DE_volksabstimmung

Spreche ich in der Schweiz wohnhafte Freunde und Bekannte an, erklären mir viele, dass es sich um einen Befreiungsschlag für unterdrückte muslimische Frauen handelt. Diesen Frauen wird jetzt untersagt, ihr Gesicht komplett zu verhüllen. Ich frage mich ehrlich, ob das mit den Grundfreiheiten vereinbar ist.

Denn, ihr grossen Denker:innen für die Rechte der Frau, seid ihr schon mal auf den Gedanken gekommen, das es Frauen gibt, die das tun möchten? Die es für emanzipiert halten, zu ihrem Glauben zu stehen, als Frau. Und zwar genau so dolle, wie sie selbst das wollen. Gibt es. Genau diese Frauen werden jetzt durch ein Gesetz von ihrem Grundrecht abgehalten, so zu sein, wie sie wollen, denn die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten ist durch dieses Gesetz nicht mehr gegeben.

Ausserdem betrifft das neue Gesetz dann tatsächlich 20-30 Frauen, die sich gerne verhüllen möchten. Maximal 30! Für alle anderen gibts Ausnahmen für Touristinnen.

Zusammenfassend (aber ich bin keine Juristin) ist dieses Gesetz einfach nur illegal, nicht durchführbar und unendlich peinlich. Wenn ihr stolz seid, keine blutige faschistische Geschichte zu haben, dann seid selbst nicht faschistisch. Ein haltloser Vorwurf?

Hier ein Plakat der Nazis, angeblich aus dem Stürmer, das Datum habe ich leider nicht gefunden. Antisemitisch, voller Gewalt und einfach nur widerlich.

Die SVP hat ein ähnliches Plakat zur Linken der Schweiz machen lassen. Kann man recherchieren, wenn man das möchte, will ich nicht verlinken. Die SVP hat den Judenhass jedoch ersetzt. Heute sind Muslime die Bösen.

 

Das „böse“ und Muslime irgendwie zusammengehört, sieht man an dem Molli-Werfenden neben der Verhüllten. Im Initiativtext steht dann auch, dass es darum geht, sich nicht zu verhüllen, denn wer sich verhüllt, der hat möglicherweise eine Gewalttat im Sinn. Zum Beispiel Demonstranten (erkennbar am Molli). Oder eben die Frauen, die sich verhüllen müssen, denn sonst, so die Logik, wird ihnen Gewalt angetan. Und schon sind relativ vernünftige Menschen schockiert, schalten ihr Gehirn aus und wollen nur den armen Frauen helfen. Die Ästhetik – der Mann aktiv mit Molli, die Frau, passiv, daneben.

Nun, die SVP ist nicht irgendeine kleine Splitterpartei. Sie gehört zu den mächtigsten Parteien der Schweiz. Sie ist populistisch und undemokratisch. Offenbar trifft sie einen Nerv. Sie wirbt mit „Tradition“, „Heimat“, „Heimatliebe“ „Patriotismus“ für Hass und Ausgrenzung und ein Gesetz, das nicht mit den Menschenrechten vereinbar ist. Die SVP kuschelt mit Neonazis, namentlich die PNOS (Partei National Orientierter Schweizer). Um diese schwere Behauptung zu untermauern, habe ich Euch einen Vergleich, gefunden auf indymedia – das Parteiprogramm der PNOS verglichen mit dem Parteiprogramm der NSDAP.

Ich liebe die Schweiz. Trotzdem kann ich da nicht mehr leben, weil ich mich nicht mehr wohlfühle. Ich schäme mich für meine Heimatliebe. Weil die Heimatliebe nicht mehr teilen kann, sondern wegen Leuten wie der SVP ausgrenzt. Was ist nur passiert? Wo ist die Neutralität geblieben, die General Guisan verteidigt hatte? Warum wird der Hüter der Beizen und Klassenzimmer so sträflich von „guten“ Schweizern verraten?